Hier reden wir: die Gesellschaft
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Tonio Kröger: Bürgertum verzweifelt gesuchtBodo Hahn-Dehm und Susanne Martin
Es gibt wohl selten im Leben noch einmal eine Phase, in der einem so systematisch und unausweichlich ein Bild von der „wirklichen Wirklichkeit“ gezeichnet und eingetrichtert wird, wie in der Schule. Allein das autoritäre Arrangement des Frontalunterrichts legt strukturell nahe, dass der, der Vorne steht, dem Rest erklärt wie’s geht. Besonders ausgeprägt ist der „rechthaberische Realismus“ in den naturwissenschaftlichen Fächern, in denen die vorgestellten Theorien als unbestreitbar behandelt werden. Das Gleiche gilt für den Geschichtsunterricht, in dem Rekonstruktionen historischer Ereignisse als „Fakten“ präsentiert werden, wenngleich in diesem Fall den Schülern schon eher der Verdacht kommt, dass die Darstellung von Geschichte durchaus auch mit der politischen Haltung des Lehrers korreliert. Das Arbeitsbündnis des „rechthaberischen Realismus“ im Schulunterricht lässt sich besonders gut an einem Material veranschaulichen, in dem uns mitgeteilt wird, was wir in Aufsätzen schreiben sollen, wenn wir nach Bedeutung und Sinn großer Werke der Weltliteratur gefragt werden: Wir meinen damit die unter Schülern und vermutlich oder vielmehr gerade auch unter Lehrern weit verbreiteten und gerne genutzten Lektürehilfen für den Deutschunterricht. Es handelt sich dabei um kleine Hefte, in denen Inhalt und für zentral erachtete Informationen zu literarischen Werken kursorisch und knapp zusammengefasst sind. Ihr Arbeitsbündnis beruht auf der Vorstellung, es handle sich um einen sinnvollen Zugang zu Texten, sich einfach sagen zu lassen, was sie bedeuten. Das ist kaum weniger erstaunlich als der Umstand, dass im Chemieunterricht nach wie vor anhand des Bohrschen Atommodells gezeigt wird, wie ein Atom beschaffen sei, obwohl es längst als überholt gilt.[1] Und dennoch mutet einem der „rechthaberische Realismus“ der Musterinterpretationen im Kontext von Literatur ganz besonders befremdlich an. Vielleicht, weil die Annahme, dass es sich bei Literatur um eine gesellschaftliche und damit verschieden interpretierbare Veranstaltung handelt, naheliegender ist als für die Naturwissenschaften.[2] Vielleicht aber auch, weil durch die Vermeidung eigener Arbeit am Gegenstand, wie sie von den Lektürehilfen ermöglicht wird, eine Gelegenheit zum Erlernen von Reflexivität verschenkt wird, wie sie anhand von Atommodellen zwar auch, aber nicht ganz so ohne weiteres denkbar ist. Wir wollen im folgenden Lektürehilfen zu Thomas Manns Novelle Tonio Kröger interpretieren. Dazu werden wir zunächst darstellen, welche Lesarten des Textes uns darin angeboten werden. Danach werden wir eine Gegenlesart vorstellen, in der die Dinge komplizierter liegen. Abschließend wollen wir das Arbeitsbündnis der Lektürehilfen als eines herausarbeiten, das der Einübung einer kulturindustriell zugerichteten bildungsbürgerlichen Haltung dient. Gleichzeitig wollen wir klären, warum gerade die in den Lektürehilfen dominante Interpretation von Tonio Kröger diesem Arbeitsbündnis ausgesprochen förderlich ist. Über den „rechthaberischen Realismus“ im DeutschunterrichtWie bei allen anderen „Klassikern der Weltliteratur“ auch, wurden und werden Sinn und Bedeutung der Novelle Tonio Kröger in der Sekundärliteratur höchst kontrovers diskutiert.[3] Vor allem die unterschiedlichen methodischen Zugänge zum Text stehen dabei häufig im Widerspruch zueinander. Weniger problematisch ist die Fokussierung der Rezeption auf unterschiedliche Aspekte, die meistens recht friedlich und voneinander unberührt nebeneinander stehen können. So kann man die Novelle unter dem Aspekt der Goethe-Imitation Thomas Manns ebenso wie seiner Nähe zu Nietzsches oder Schopenhauers Gedankengut interpretieren, ohne dass sich beide Lesarten in die Quere kämen. Hier gilt allerdings, dass die Grenzen zwischen Interpretationsmethode und der Herausarbeitung bestimmter Aspekte teilweise verschwimmen. Die unweigerlich immer wieder auftauchende Tendenz, Thomas Manns Werk unter dem Aspekt seiner „Homosexualität“ zu betrachten, ist zum Beispiel unweigerlich mit der Frage verknüpft, ob man überhaupt biografische Daten des Autors zu Interpretationszwecken heranziehen solle. Von all diesen Problemen ist in den Lektürehilfen nichts zu finden. Sie sind im groben gemäß folgender Konvention aufgebaut: 1. Erläuterungen von Worten und Sachen, von denen ausgegangen wird, dass sie den Schülern nicht bekannt sind (Wort- und Sachkommentar) 2. Zusammenfassung des Inhalts des Textes und Erläuterungen zu Aufbau und Komposition (besonders wichtig für drohende Prüfungen!) 3. Darstellung verschiedener Aspekte des Werks (Rezeption) 4. Biografische Eckdaten des behandelten Autors (historische und persönliche Rahmenbedingungen des Werks) Auffällig ist dabei, dass die Lektürehilfen die oben angedeuteten Schwierigkeiten und Konflikte im Kontext der Rezeption der Novelle ignorieren. Das gelingt vor allem dadurch, dass sie sich auf Fragen der Interpretationsmethode überhaupt nicht beziehen, sondern lediglich einige Aspekte beleuchten, die gut nebeneinander stehen bleiben können. Es liegt ihnen selbst keine erkennbare Interpretationsmethode zugrunde. Im Gegenteil: Der Text wird eigentlich überhaupt nicht interpretiert, sondern unter verschiedenen Aspekten nacherzählt. Es werden bestenfalls Zusammenhänge hergestellt, wie zum Beispiel zwischen biografischen Daten und literarischen Inhalten bei Thomas Mann: „Ein weiteres Problem stellte für Thomas Mann dessen unterdrückte Homosexualität dar. Die Literatur bot ihm dabei die Möglichkeit, seine Schwärmereien und homoerotisch gefärbten Freundschaften zu verarbeiten und zu verschlüsseln.“ (Neubauer 2001: 47) Diese Deutungen funktionieren nach immer dem gleichen Muster: Wie im obigen Zitat bilden sie Analogien und Querverbindungen zwischen „Fakten“, die im Idealfall als Ursache-Wirkungszusammenhang ohne Vermittlung funktionieren. Gerade im Fall von Thomas Mann wird dieser Kniff durch eine Fixierung auf vermeintliche persönliche Eigenheiten des Autors ermöglicht: Von Tonio Kröger wird an vielen Stellen so gesprochen, als handle es sich um eine reale Person. Die Suggestion, bei Tonio Kröger handle es sich um Thomas Mann, bleibt aber nicht implizit: „Unschwer war bereits für die zeitgenössischen Leser des Tonio Kröger zu erkennen, wer hinter der Titelfigur steckte. Wer mit solcher psychologischen Raffinesse die Nöte einer Künstlernatur beschrieb, der konnte letzten Endes nur sich selbst damit meinen.“ (Neubauer 2001: 17) Die Tendenz, immer wieder Thomas Mann als Person mit seinen Werken zu identifizieren und ihn in seinen literarischen Figuren zu suchen, findet ihre seltsamsten Blüten in Interpretationen, die auf Thomas Manns Homosexualität hin ausgerichtet sind. Damit soll nicht von der Hand gewiesen werden, dass Thomas Manns Werk zum Teil durchaus gewinnbringend unter dem Aspekt von Homosexualität und Liebe als gesellschaftlicher Erfahrung interpretiert werden kann. Die Frage, ob Thomas Mann nun tatsächlich homosexuell war, ist dabei jedoch völlig uninteressant. Man kann sie allenfalls dazu benutzen, um das gesamte Werk auf dieses Muster herunter zu brechen, indem man nur noch nach den Spuren seiner sexuellen Verstrickungen sucht und es damit zur Seifenoper herabwürdigt. In einem Porträt über Thomas Mann schreibt Adorno ganz zutreffend: „Ich beschränke mich also darauf, aus meiner Erfahrung einigen Vorurteilen entgegenzuarbeiten, die hartnäckig die Person des Dichters belästigen. Sie sind nicht gleichgültig gegenüber der Gestalt des Werkes, auf das sie automatisch fast sich übertragen: sie verdunkeln es, indem sie helfen, es auf Formeln abzuziehen.“ (Adorno 1962: 335) Mit der Personalisierung des Werkes gelingt es, unvermittelte Bezüge unter Vermeidung jeglicher Interpretation herzustellen. Die generelle Abwesenheit von Interpretation scheint jedoch nicht nur für die Lektürehilfen über Tonio Kröger symptomatisch zu sein. Der Germanist Hans Rudolf Vaget schreibt in seinem Kommentar zu Tonio Kröger: „Die Tonio Kröger-Literatur ist kaum noch zu überblicken. Keine noch so oberflächliche Charakterisierung TMs, die sich nicht im Kern auf Tonio Kröger stützte. Kennzeichnend für die Literatur über diese Novelle allgemein ist die Dominanz inhaltlich-weltanschaulicher Fragestellungen das Bürger-Künstler- und Geist-Leben-Problem betreffend. Viele dieser ‘Interpretationen’ gelangen nicht über eine Paraphrase des Textes hinaus.“ (Vaget 1984: 118) Der Gegensatz von Bürger- und Künstlertum wird auch in den Lektürehilfen als das zentrale Thema von Tonio Kröger präsentiert, es ist sogar von der „Bürger-Künstler-Erzählung Tonio Kröger die Rede. (Wild 1994: 5) Wir wollen daher die Darstellung dieses Gegensatzes genauer betrachten. Die Lektürehilfen zeichnen die Beziehung von Künstler- und Bürgertum als strikt antagonistisch, während Tonio Kröger als Protagonist zwischen beiden Welten hin und her gerissen ist. Über die Thematik der Novelle heißt es in der Klett-Lektürehilfe: „Erzählt wird die Geschichte eines Außenseiters. Tonio Krögers Wesen und seine künstlerische Veranlagung [...] haben ihn der Welt, in der er aufgewachsen ist, entfremdet. Es ist die Welt des Bürgertums, in die er als Künstler nicht mehr hineingehört, und von der er sich dennoch nie endgültig lösen kann.“ (Hermes 1988: 36) Der Gegensatz zwischen Künstler- und Bürgertum wird als historischer Hintergrund der Novelle jedoch nicht interpretativ zum Text in Bezug gesetzt. Vielmehr wird er in erster Linie in seiner enthistorisierten Fassung unter dem Gesichtspunkt des Gegensatzes von Leben und Geist betrachtet, für das jeweils Bürger- beziehungsweise Künstlertum stehen.[4] Ein gutes Beispiel für die Darstellung dieses Gegensatzes findet sich in Form einer Tabelle aus einer der Lektürehilfen. (Vgl. Hermes 1988: 38f.) Die jeweiligen Spalten sind mit „Leben“ und „Geist und Kunst“ überschrieben und enthalten dann zeilenweise gegensätzliche Begriffspaare, wie sie auch in der Novelle auftauchen: „unbewusst – entzündetes Selbstbewusstsein“, „Reinheit und Ungetrübtheit – Fluch der Erkenntnis“, und so weiter. Im Lektüreschlüssel von Reclam bekommt der Gegensatz eine besonders eigentümliche Wendung: In der Novelle werde gezeigt, „dass es unmöglich ist, zugleich als Bürger und als Künstler zu arbeiten – und wenn, dann höchstens als Dilettant.“ (Neubauer 2001: 40) Dieser strikte Antagonismus ist eine der beiden Voraussetzungen dafür, dass es am Schluss zu einer „Versöhnung“ beider Pole kommen kann. Dazu später mehr. Dass der Gegensatz von Tonio Kröger, dem Künstler, und den Bürgern Hans Hansen und Ingeborg Holm überhaupt so sehr betont wird, liegt, wie zuvor gezeigt, auch daran, dass in den Lektürehilfen vorwiegend einzelne (inhaltliche) Aspekte beleuchtet werden, eine Interpretation aber fehlt. Das Ergebnis dieses Verfahrens, das die Inhaltsebene notwendig hypostasiert, ist banal, denn im wesentlichen wird die Geschichte einfach nacherzählt: Es geht um den Künstler Tonio Kröger, der darunter leidet, dass ihm ein gewöhnliches und harmloses bürgerliches Leben verwehrt bleibt, der aber – nach der Überwindung seiner (Lebens-)Krise – beginnt, sein Anderssein anzunehmen und sich schließlich mit dem Dasein als „verirrter[n] Bürger“ (Mann 1903: 337) abfindet bzw. versöhnt. (Zu) schnell wird daraus abgeleitet, dass das zentrale Thema der Novelle die Gegensätzlichkeit und Unvereinbarkeit von Künstlertum und Bürgertum ist: Das Künstlerdasein des Tonio Kröger steht jetzt für Lebensuntüchtigkeit, Ausgeschlossensein, Leid und Tod; das Bürgerdasein des Hans Hansen hingegen für Produktivität und Leben, Normalität und Ordnung. (Vgl. Hermes 1988: 38f.) Tatsächlich lassen sich diese antithetischen Zuweisungen auf Inhaltsebene vornehmen; sie sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass Thomas Mann, wie andere Schriftsteller seiner Zeit (vgl. Hugo von Hofmannsthal, Chandos-Brief), die sogenannte Künstlerproblematik, das schwierige und problematische Verhältnis des Künstlers zur sozialen Wirklichkeit, thematisiert. Dieses unbestritten wichtige Thema der Novelle geht aber – und das ist unser zentraler Einwand – in der strikten Gegenüberstellung von Künstler und Bürger nicht auf. Im folgenden soll argumentiert werden, dass die beiden zentralen Interpretationsergebnisse der Lektürehilfen – der vielbeschriebene Gegensatz von Künstlertum und Bürgertum sowie die „Versöhnung“ von Kunst und (bürgerlichem) Leben im Schlusskapitel der Novelle – weder die einzigen noch die einzig richtigen Leseeindrücke sein müssen, und dass die Dinge, wie so oft, komplizierter sind. Wir wollen zeigen, dass die Künstler-Bürger-Antithetik – „Das [bürgerliche] Leben ist all das, was die Kunst nicht ist und umgekehrt.“ (Hermes 1988: 38) – in Tonio Kröger selbst keineswegs so scharf und eindeutig gestaltet ist, und dass es sich bei dem „Gegensatz“ von Künstler und Bürger vielmehr um ein komplexes „Wechselverhältnis“ handelt, das nicht einseitig aufhebbar ist. Eine „Versöhnung“ von Kunst und Leben im Sinn einer Aufhebung dieses Wechselverhältnisses kann nicht stattfinden und lässt sich im übrigen im Text auch nicht nachweisen. Über „reflexive Dialektik“ als ZugangEine Interpretation der Künstlerproblematik in Tonio Kröger, wie wir sie im folgenden vorschlagen, wird die Inhaltsebene des Textes als ersten und auch wichtigen Ausgangspunkt nehmen, die Novelle sodann aber als Produkt einer bestimmten historisch-gesellschaftlichen Periode verstehen, das vor dem Hintergrund dieser Periode und ihren konkreten gesellschaftlichen und kulturellen Erfahrungen betrachtet werden kann und muss. Wir folgen dem Vorschlag Georg Lukács’, Thomas Manns Erzählung als „Spiegel der Welt“ (Lukács 1949: 506) zu begreifen: Lukács geht, ebenso wie der Literaturwissenschaftler Hans Mayer, davon aus, dass Thomas Manns (frühe) Werke repräsentativ sind, dass sie – genauer – die bürgerliche Seinslage der ersten Vorkriegszeit repräsentieren.[5] Wie nun lässt sich diese spezifische bürgerliche Seinslage genauer bestimmen? Mayer schlägt vor, vom Verfall oder Ende der Bürgerzeit zu sprechen, um die charakteristische „Zeitenproblematik“ der Vorkriegsjahre zu erfassen. (Mayer 1980: 31ff.) Gemeint ist damit auch und vor allem ein Verfall (bzw. eine Nichtverwirklichung) der liberalistischen Ideale und Ziele des Bürgertums: Die aufklärerischen Ideen von Freiheit und Gleichheit, die ohnehin nur für die kapitalistischen Eigentümer gegolten haben, geraten zusehends zur Fassade, hinter der die rasche persönliche Bereicherung betrieben wird. Politisch schwindet der Einfluss der (radikalen) Liberalen und formieren sich konservative und nationale Kräfte, die die Krisen und Probleme der fortschreitenden industriellen Gesellschaft dazu nutzen, ihren Machtanspruch geltend zu machen. Die ökonomische und politische Sicherheit des Bürgertums ist also trügerisch. Viele Schriftsteller der Jahrhundertwende und Vorkriegszeit machen die Krisen und Unsicherheiten der sozialen Wirklichkeit zur ihrem zentralen Thema: Orientierungslosigkeit und Unverbindlichkeit, aber auch fehlende Au tonomie, gesellschaftliche Zwänge und Determinismen, kurz: die Unmöglichkeit des menschlichen Glücks sind in den Stücken und Erzählungen von Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und anderen verarbeitet. Thomas Mann konzentriert sich auf die Glücksunfähigkeit des Künstlers: „Tod des Gefühls, Schwäche des Selbstgefühls, Unmächtigkeit des Künstlers vor der Wirklichkeit“, schreibt Mayer, „das ist Thomas Manns erste Thematik.“ (Mayer 1980: 33) Demnach können Tonio Kröger, Hanno Buddenbrook oder Gustav Aschenbach für einen Künstlertyp stehen, der sich seiner bürgerlichen Umwelt entfremdet hat und zum Außenseiter geworden ist. Aber macht sie das zu den Antipoden der Bürger Hansen und Hagenström? – Nur scheinbar! Folgt man Lukács’ und Mayers These von der Repräsentativität der Werke Thomas Manns, dann ist auch und gerade der Verfall des Bürgertums sein Thema, und zwar nicht (oder nicht nur) als Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie, die keine „echten“ bürgerlichen Nachkommen hervorbringt, sondern in dem allgemeinen Sinn, dass „Bürgerlichkeit“ an und für sich in Gefahr ist. Thomas Manns Bürger stehen dann nicht, wie es der Künstler-Bürger-Gegensatz impliziert und die antithetischen Schlüsselwörter belegen sollen, für Ordnung, Sicherheit und Solidität, sie repräsentieren vielmehr eine Welt, in der Angst und Unsicherheit, Leid und Verfall wesentlich sind. In den Texten findet sich das wieder: Die „Bürger“ Hans Hansen und Ingeborg Holm werden nur als Jugendliche präsentiert, unbekümmert und sorgenfrei zwar und nicht grüblerisch wie ihr Freund Tonio Kröger, als Erwachsene sehen wir sie jedoch nicht.[6] Ob erfolgreiche und glückliche Bürger aus ihnen geworden sind, erfährt der Leser nicht (und ist daher nicht selbstverständlich). Unklar ist ebenfalls, ob Familie Hagenström von wirtschaftlichen Konjunkturschwankungen dauerhaft verschont bleibt oder nicht auch, wie die Buddenbrooks, irgendwann Krisen und Misserfolge erleiden muss – ausgeschlossen ist das nicht. Es wird deutlich, dass am Ende der Bürgerzeit nicht nur der Künstler gefährdet ist und sich fremd, einsam und unglücklich fühlt, sondern auch seine angeblichen Gegenspieler, die Bürger; die Schlüsselwörter Einsamkeit, Leid und Tod treffen auf diese genauso zu. Die eigentlichen Bürger sind Thomas Manns Künstler! – mit dieser Formel von Lukács lässt sich die Interpretation zusammenfassen. Und Mayer, der ihm hierin folgt, resümiert: „Die scheinbar so eindeutige Antithese von Künstler tum und bürgerlicher Gesellschaft erweist sich in doppelter Hinsicht als illusionär. Der Künstler selbst steht inmitten der bürgerlichen Welt: seine Einsamkeit ist wesensgleich mit dem Gesetz, das dieser Welt obwaltet. Die scheinbare Antithese ist selbst ein Produkt der Bürgerzeit an ihrem Ausgang.“ (Mayer 1980: 40) Die echten Bürger sind also nicht die Hansens und Hagenströms, sondern die Künstler Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook, indem gerade sie das Wesensmerkmal einer sich im Verfall befindenden bürgerlichen Welt verkörpern. Wie Mayer nahelegt, ist die These eines strikten Gegensatzes von Künstler und Bürger mitsamt ihren antithetischen Zuschreibungen nicht haltbar. Das erschließt sich aber erst dann, wenn Tonio Kröger vor dem Hintergrund seiner Zeit und den für diese Zeit relevanten historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen betrachtet wird. Eine solche Betrachtungs- und Interpretationsweise kann nämlich zeigen, dass die erfolgreichen und soliden Bürger in Thomas Manns Erzählungen der sozialen Wirklichkeit kaum mehr entsprechen – denn: „In der bürgerlichen Welt der Endzeit gibt es den echten Bürger weder als Realität noch als Gefahrlosigkeit.“ (Mayer 1980: 42) – und daher als bloße Sehnsucht oder Ideal verstanden werden müssen, in das sich der einsame Künstler flüchtet. Die Gegensätzlichkeit ist in Wahrheit ein kompliziertes Wechselverhältnis, ein „Weder-Noch und Sowohl-Als-Auch“, das nicht aufhebbar ist. Vor diesem Hintergrund ist ein „versöhnliches“ Ende nicht plausibel, dennoch wird in der Klett-Lektürehilfe behauptet: „Die Novelle endet mit einer Versöhnung von Kunst und Leben [...].“ (Hermes 1988: 47) Tonio Kröger, so die Argumentation, überwinde die „pessimistische Einseitigkeit des dekadenten Künstlertums“ und wachse über die „weltverachtende Weltsicht der Dekadenz“ hinaus, indem er das „Bürgerliche“, auch als Teil seines Selbst anerkenne. Schließlich stehe das bürgerliche Leben für das Lebendige und Liebenswürdige, ohne das Tonio Kröger nicht sein könne und das seine Kunst erst vervollkommne. (Hermes 1988: 44ff.) Tonio Kröger wird hier zur „Entwicklungsnovelle“ gemacht: Der junge Künstler, der sich vom Bürgertum entfremdet hat und sich anti-bürgerlich gibt, wird erwachsen. Die Autorin schreibt: „[...] Tonio [macht] eine innere Entwicklung durch, und diese ist das eigentliche Thema des Werkes. Man könnte daher ‘Tonio Kröger’ als einen verkürzten Bildungsroman bezeichnen, in dem die psychologische Studie eines dem Bürgertum entstammenden Künstlers vorgelegt wird, der sich als Mensch und besonders als Künstler entwickelt [...].“ (Hermes 1988: 75) Die Botschaft ist einfach und klar: Eine Kunst oder allgemeiner: ein Leben außerhalb der bürgerlichen Ordnung ist nicht vorstellbar, nicht wünschenswert und auch nicht notwendig, denn wenn der Künstler erst einmal erwachsen geworden ist und sich mit der bürgerlichen Welt versöhnt hat, dann wird er sich weniger fremd und ausgeschlossen fühlen und seine Produktion schließlich zur wahren (bürgerlichen!) Kunst steigern. Für Widersprüche ist hier freilich kein Platz. Unserer Ansicht nach legt das Schlusskapitel eine andere Lesart nahe. Es klingt nicht versöhnlich, wenn Tonio Kröger erkennt, dass er das „plumpe und niedrige Dasein“ der Bürger verachtet, es als Ort des „Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen“ aber auch ersehnt; dass er sein Künstlertum als etwas Außerordentliches und Geniales wertschätzt, darin aber zugleich etwas „tief Zweideutiges, tief Anrüchiges, tief Zweifelhaftes“ sieht. (Mann 1903: 289, 337f.) Hier ist nicht von einer Aussöhnung mit der Welt oder vom Ende der Einsamkeit die Rede, sondern von Widersprüchen und Sehnsüchten, die nicht auf- bzw. einlösbar sind und stattdessen ausgehalten werden müssen. In seinem (letzten) Brief an die Künstlerfreundin Lisaweta resümiert Tonio Kröger daher: „Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolgedessen ein wenig schwer.“ (Mann 1903: 337) Nicht die Versöhnung von Kunst und Leben ist das zentrale Thema des Schlusskapitels, sondern die Widersprüchlichkeit des menschlichen Daseins – insbesondere des Künstlerdaseins – in einer sich im Verfall befindenden bürgerlichen Welt. Dass es hiervon keine Erlösung gibt, das stellt Thomas Mann klar: „Alles verstehen hieße alles verzeihen? Ich weiß doch nicht.“ (Mann 1903: 300) Bildungsbürgertum als ErziehungszielWie lässt sich die Funktion der Lektürehilfen für den Schulunterricht genauer fassen? Zunächst einmal kann man feststellen, dass sie sich vor allem dazu eignen, sich auf Prüfungen im Sprachunterricht mit möglichst wenig Arbeit vorzubereiten. In diesem Sinne sind sie das ausführlicher geratene Pendant zur Literatur-Verfilmung, die man sich am Vorabend der Klassenarbeit noch schnell aus der Videothek besorgt hat, weil man zum Lesen keine Lust hatte und nun zu spät dran war. Über die Verfilmung hinaus jedoch, bieten sie das gesammelte Wissen, von dem man ausgehen kann, dass es im Rahmen einer Prüfung über das Werk erwartet wird. Prüfungen lassen sich dem entsprechend ganz anders als häufig unterstellt wird, als handfeste Vorbereitung auf das Leben und zwar auf das eines Bildungsbürgers verstehen. Sie dienen als Einübung in Situationen, in denen unter dem Druck einer gelungenen Selbstdarstellung mit Hilfe von Halbwissen die eigene Zugehörigkeit zu einer privilegierten Klasse inszeniert werden muss. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Prüfungskultur bildet für Gymnasiasten das Abitur, in dessen Verlauf die Form der „Selbstdarstellungsprüfung“ mit dem mündlichen Teil der Hochschulreife eine neue Qualität bekommt. Nicht nur die Prüfungen, sondern auch die Vorbereitungen darauf erreichen in diesem Zusammenhang eine vorher nie gekannte quälende Härte und verweisen auf eine Form von ritueller Initiation, wie sie sich auch an zahlreichen anderen sozialen Übergängen beobachten lässt: Allen voran fallen in diesem Zusammenhang die von vielen nur unter Begleitung von Nervenzusammenbrüchen zu bewältigenden Examina am Ende des Medizin- oder Jura-Studiums. Wir möchten die These aufstellen, dass diese Bildungsabschlüsse deshalb nur unter großen Qualen zu erlangen sind, weil mit ihrer Erreichung ein Aufstieg in eine privilegierte Schicht verbunden ist. Je höher der Sprung ist, desto qualvoller muss das sein, was ihm vorausgeht. Die Qualen des Abiturs sind beträchtlich, aber ohne größere Blessuren zu bewältigen. Gleichwohl wird mit dem Abitur die Aufnahme in die Klasse bildungsbürgerlicher Erwachsener initiiert, zumal in humanistischen Gymnasien. In den Lektürehilfen geht es also nicht um Interpretationen oder auch widersprüchliche Perspektiven, sondern um die Möglichkeit des Streuens gesammelter Informationen zur rechten Zeit am rechten Ort, seien das Prüfungen, Abendveranstaltungen oder Vorstellungsgespräche. Sie sind damit auch eine Übung im Umgang mit einem spezifischen literarischen Genre der Kulturindustrie. Bücher wie „Bildung. Alles was man wissen muss“ von Dietrich Schwanitz oder die Comic-Reihe im Rowohlt-Verlag, in der Titel wie „Freud für Anfänger“, „Einstein für Anfänger“ oder „Marx für Anfänger“ erschienen sind, erfüllen den gleichen Zweck wie die Lektürehilfen: Wenn man sich gemerkt hat, was drin steht, kann man bei jeder passender Gelegenheit mit tadellosem Halbwissen glänzen. Was sind nun die Besonderheiten dieses Arbeitsbündnisses im Zusammenhang mit Tonio Kröger? Über die Künstler-Bürger-Antithetik wird zunächst ein ganz bestimmtes Bild des Bürgertums evoziert: das einer produktiven, vitalen und sicheren bürgerlichen Gesellschaft im Gegensatz zum ausgestoßenen, leidenden und von Zweifeln getriebenen Künstlerdasein. Den Schülern wird entsprechend nahegelegt, die Verbindung von Bürgertum mit den hier zugeschriebenen Eigenschaften als gesellschaftliche Wirklichkeit und das Große und Ganze als weitgehend frei von Widersprüchen und Ungleichzeitigkeiten aufzufassen. Der Typus des Künstlers ist letzten Endes ein Freak am Rande der Gesellschaft. In der These der Versöhnung von Kunst und Leben wiederum wird unterstellt, dass der Künstler nur dann vermeiden kann, an seiner sozialen und persönlichen Position zu zerbrechen, wenn er seine Haltung der dekadenten Abwendung vom bürgerlichen Leben überwindet. Unterstellt wird damit zugleich, dass ein Leben ganz außerhalb der bürgerlichen Ordnung zum Scheitern verurteilt ist. Die Kunst und damit deren Möglichkeit, die bürgerliche Ordnung zu transzendieren, kann von der bürgerlichen Gesellschaft wieder einkassiert werden. Der implizite Lehrplan der Lektürehilfen besteht damit aus zwei zentralen Botschaften: 1. Es werden Legitimationsmuster für bildungsbürgerliche Ideale vermittelt. 2. Die Schüler werden zur Einübung eines bildungsbürgerlichen Habitus und zur Anpassung an bürgerliche Ideale angehalten. Die Interpretation der Novelle als „Entwicklungsroman“, der mit der Versöhnung des jugendlichen Protagonisten mit dem Bürgertum endet, impliziert schließlich noch einen dritten Appell, vor allem, wenn diese Interpretation an pubertierende Teenager gerichtet ist: Es wird Verständnis für die Krisenhaftigkeit der Adoleszenz vermittelt, aber gleichzeitig daran gemahnt, dass man sich danach am Besten zurück in den Schoß wohlgeordneter Bürgerlichkeit begeben solle, weil man sonst vom Untergang bedroht ist. In diesem Sinne passen sich die in den Lektürehilfen angebotenen Interpretationen nahtlos in das implizite Initiationsprogramm des schulischen Unterrichts ein. Literatur Adorno, Theodor W. (1962) Zu einem Portrait Thomas Manns. In: ders. Gesammelte Schriften Band 11: Noten zur Literatur. [1974] Frankfurt am Main. 335-344. Hermes, Beate (1988) Lektürehilfen. Thomas Mann „Tonio Kröger“. Stuttgart. Kuhn, Thomas (1962) Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. [1970] Frankfurt am Main. Lukács, Georg (1949) Auf der Suche nach dem Bürger. In: ders. Werke Band 7: Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten. [1964] Neuwied, Berlin. 505-534. Mann, Thomas (1903) Tonio Kröger. In: ders. Gesammelte Werke Band 8: Erzählungen. [1960] Frankfurt am Main. 271-338. Mayer, Hans (1980) Thomas Mann. Frankfurt am Main. Neubauer, Martin (2001) Lektüreschlüssel. Thomas Mann Tonio Kröger. Stuttgart. Vaget, Hans Rudolf (1984) Thomas Mann – Kommentar zu sämtlichen Erzählungen. München. Wild, Inge (1994) Thomas Mann: Tonio Kröger. Grundlagen und Gedanken zu erzählender Literatur. Frankfurt am Main.
[1] Das ist vermutlich deshalb der Fall, weil das Periodensystem, das ja immer noch gebräuchlich ist und allem Anschein nach auch eine gewisse Zweckmäßigkeit besitzt, auf dem Bohrschen Atommodell basiert. Generell ist wohl eher das Problem der schulischen Naturwissenschaften, dass sie Theorien als Abbilder von Wirklichkeit und nicht als Modelle lehren, deren Erklärungskraft zwangsläufig auf Grenzen stößt. (Vgl. Kuhn 1962) [2] Natürlich gibt es auch bei Literaturinterpretationen den Anspruch, die „wahre“ zu vertreten, und der Tanz der konkurrierenden Interpretationen findet häufig genug um das Goldene Kalb der letzten Wahrheit statt. [3] Da geht der Ärger schon los: Die Frage, ob es sich bei Tonio Kröger überhaupt um eine Novelle handelt, ist hochgradig umstritten. Dennoch bleiben wir im folgenden der Einfachheit halber bei dieser Bezeichnung. [4] In der Klett-Lektürehilfe werden „Kunst-Leben“ und „Künstler-Bürger“ ohne weitere Erklärung einfach synonym verwendet. Wild dagegen benennt dieses Verhältnis wie folgt: „Der abstrakte Gegensatz Kunst-Leben wird in Tonio Kröger durch eine Reihe von Kontrastmotiven ins Bild gesetzt und zum Gegensatz Künstler-Bürger personalisiert [...]“ (Wild 1994: 56) [5] Der Repräsentativität seiner Werke sei es auch zu verdanken, so Mayer, dass Thomas Mann seit dem ersten Hervortreten große literarische Erfolge feiern konnte. Er schreibt: „‘Buddenbrooks’ und ‘Tonio Kröger’ hätten niemals so stark das Herz junger Menschen bei ihrem Erscheinen rühren können, wären sie nicht repräsentativ gewesen.“ (Mayer 1980: 34) [6] Die beiden Personen, die der Protagonist auf seiner Reise nach Dänemark am Schluss der Novelle wiedersieht, sind nicht, wie so oft behauptet wird, Hans Hansen und Inge Holm, sie ähneln diesen nur sehr, weshalb Tonio Kröger sie als Hans und Inge bezeichnet: „Tonio Kröger sah sie an, die beiden, um die er vorzeiten Liebe gelitten hatte, – Hans und Ingeborg. Sie waren es nicht so sehr vermöge einzelner Merkmale und der Ähnlichkeit der Kleidung, als Kraft der Gleichheit der Rasse und des Typus, dieser lichten, stahlblauäugigen und blondhaarigen Art, die eine Vorstellung von Reinheit, Ungetrübtheit, Heiterkeit und einer zugleich stolzen und schlichten, unberührbaren Sprödigkeit hervorrief ...“ (Mann 1903: 331) |
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