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In dem Buch
Reinhard Kreissl (2008) Feinde: Alle, die wir brauchen. München: Diederichs Verlag
haben wir dazu eingeladen, das dort zur allgemeinen Freude vorgeführte Verfahren als Anregung zu eigenem Tun zu nehmen. Leserinnen und Leser sollen nicht nur mehr oder weniger boshaft lachen, sie sollen selbst ihren Ärger über die Zumutungen der Gesellschaft gekonnt verarbeiten – und uns alle daran teilhaben lassen. Hier ist der Ort dafür.
Schicken Sie uns Ihre eigenen Feindbild-Texte – wir werden die besten davon hier veröffentlichen. Schicken Sie uns Vorschläge und Skizzen für solche Texte – wir werden die ansprechenden davon ausarbeiten. Schreiben Sie uns, was es sonst zu dem Thema (und zu dem Buch) zu sagen gibt – wir werden die Diskussion aufnehmen und dokumentieren.
Über die folgende mail-Adresse erreichen Sie uns direkt:
Zur Anregung hier noch ein Auszug aus dem Vorwort der „Feinde“:
Was wäre die Welt ohne unsere Feinde. Furiose Verachtung, Wut und Ablehnung sind Gefühle, die das Leben erträglich machen. Feinde bringen Schwung und Ordnung in eine laue und unübersichtliche Welt. Man braucht sie, als Ursache von Wirkungen, wenn alles andere zwischen den Fingern zerbröselt. Feinde sind fassbar, liefern Bilder, geben dem Unbehagen einen Namen und lindern den Schmerz über den eigenen Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Und apropos Bedeutungslosigkeit: Schon der Volksmund lehrt: viel Feind, viel Ehr! Und zudem: Ist die Welt nicht wirklich voll von Menschen, die einem auf die Nerven gehen? Und die gesellschaftlichen Umgangsformen werden immer absurder. Manchmal vermutet man, der einzig noch übrig gebliebene Normale zu sein. Hilft aber nichts: Man muss mit all den Verrückten leben.
Je ähnlicher sich die Menschen werden, desto stärker das Bedürfnis, sich von anderen abzusetzen, desto stärker der Wunsch, die anderen als Konkurrenten zu kritisieren, niederzumachen, desto lauter der Ruf nach Strafe, Verboten und Ausschluss. Es herrscht bedeutungslose Uniformität. Die scheinbare Vielfalt ist die der Schrebergartenkolonie, kleine Parzellen, individuell liebevoll gestaltet, aber eben eine wie die andere – ob nun Audi und Aldi oder H&M und Hybridantrieb. Gucci ist überall, als Original, Kopie oder Kopie von der Kopie.
Jeder für sich und doch alle gemeinsam getrieben vom Verdacht, der Nachbar könnte besser abschneiden. Da mag keine Solidarität heranwachsen. Manche Leute fangen in der Situation an sich zu grämen. Früher, bevor es ganz unmodern wurde, bekam man davon ein Magengeschwür, heute macht das Stress und ist schlecht für Herz und Kreislauf. Wer das vermeiden will, schimpft. Allerdings ist die Kunst des Schimpfens, der phantasievollen Beleidigungen und Flüche, auch nicht mehr, was sie vor dem Niedergang der Tabus einmal war, und zudem außerhalb der geschlossenen Kabine des Automobils nicht ohne Risiko. Hier helfen gute Feinde. Sie bringen die Leute zusammen: denn was verbindet mehr als gemeinsame Ablehnung? Und in der Gruppe ist die Furcht vor dem Bösen sowieso am schönsten.
Das Wir, mit dem uns Politiker, Medien und Werbung ansprechen, setzt die Anderen voraus, diejenigen, die anders sind als unsereiner. Wir Fußgänger, Frauen, Facharbeiter, wir Deutsche, Europäer, Inländer, wir Nichtraucher und Mülltrenner – Uns gibt es nur, weil es Autofahrer, Männer und Ungelernte, Franzosen, Afrikaner und Ausländer, Raucher und Umweltsünder gibt. ...
Hat man die Dynamik und Mechanik der Feindbildkonstruktion erst einmal durchschaut, so kann das wohltuende Wirkungen auf die alltäglichen Erregungen haben. Denn Ärger ist die emotional aufgeladene Form des Staunens, welches wiederum bekanntlich der Beginn aller Philosophie ist. Man tut also gut daran, diese Gelegenheiten zu nützen: Sie sind hervorragende Anlässe für Einsichten über Gott und die Welt und die Zustände an sich und für sich. Dazu darf man den Ärger nicht unterdrücken, schon gar nicht deshalb, weil er sich nicht gehören würde. Man muss ihn vielmehr sensibel wahrnehmen und sorglich pflegen. Man muss zu seinen Vorurteilen stehen, weil sie dabei sichtbar werden. Dann aber empfiehlt es sich, daran zu arbeiten: Wo kommen sie her, wo gehen sie hin? Mit wenig Mühe kann man aus dem gemeinen Ärger reflektierten Ärger erzeugen, der ausgesprochen Spaß macht. Die Psychoanalytiker nennen das Sublimierung: Aus dem Wunsch, jemandem eine reinzuhauen, wird genaue Kenntnis der Person. Aus Ärger wird Vergnügen.
Man sieht klarer, wenn man, so geläutert, mit der einfachen Hypothese arbeitet, dass alle Menschen im Wesentlichen ziemlich ähnlich sind. Es erfordert zugegebenermaßen eine gewisse Anstrengung und regelmäßige Übung, aber der Erfolg stellt sich ein in der Form eines schärferen Blicks, sinkender Besorgnis und schlichtweg größerer Freundlichkeit. Das alles ohne jede Form von östlicher Heilslehre, unter Verzicht auf körperliche Anstrengungen und finanzielle Verpflichtungen. ...
Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, im Kopf die Idee zu einem Buch wie diesem, der wird bald feststellen, dass die Satire die Realität nie einholen kann. Die schrägsten literarischen Einfälle verblassen vor dem real existierenden Irrsinn des Alltags. Diese Einsicht hat viele Autoren inspiriert und sie Demut gegenüber dem trivialen Akt des Beobachtens unspektakulärer Alltagsereignisse gelehrt. So auch hier. Als gelernter Soziologe hat man mit etwas Glück eine gewisse Übung für diese Art des Beobachtens (wenn man vorher die akademische Ausbildung in dieser Disziplin ohne Schaden zu nehmen überstanden hat). Es handelt sich bei den hier vorgelegten Analysen und Sottisen also auch um ein Stück Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose, wie sie die Sozialwissenschaft in bierernsten Büchern gelegentlich auch noch versucht. Ein bisschen so etwas wie Fröhliche Wissenschaft.
Wenn Sie, verehrte Leserinnen und Leser, weitere Feindbilder deponieren wollen, so haben Sie die Möglichkeit, dies an unserer virtuellen Klagemauer im Internet zu tun. Sie sind dazu herzlich eingeladen.
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