"1968" im Rückspiegel 2008

Heinz Steinert


Frühere "1968"-Jubiläen waren als Veteranen-Treffen mit Stalingrad-Syndrom peinlich und lächerlich. Diese Gefahr dürfte sich dadurch verringert haben, dass das erstens vielen Beteiligten so ging und dass zweitens offensichtlich niemand mehr zuhören will. Wenn es irgend geht, sollte man die (weil damals prominent) professionellen Zeitzeugen in der jetzigen Bearbeitung nur kontrolliert zu Wort kommen lassen. Es ist höchste Zeit für eine vernünftige Historisierung.

Zweitens ist diesmal auffällig, dass stärker als bei früheren Anlässen "1933 – 1938 – 1968" behandelt werden soll. Was das bedeutet, macht die Unsäglichkeit von Götz Aly ("Machtübernahme: Die Väter der 68er") in der Frankfurter Rundschau vom 30.1.08 und sein Buch "Unser Kampf 1968" deutlich: Die Bewegung von "1968" wird mit der der Nazis von 1933 parallelisiert. Das ist schon ein neuer Höhepunkt in der Diffamierung. (Seinerzeit waren nur die Terroristen "Hitler’s Children").

Dabei ist die Feindschaft gegen "1968" ja nicht sehr erklärungsbedürftig, weil: die Erklärung liegt auf der Hand. Damals und besonders in den 1970ern sind große Teile der Oberschicht, und zwar ihrer jungen wie ihrer älteren Angehörigen, schwer beleidigt und bedroht worden: Politisch und wirtschaftlich Herrschende wurden angegriffen wie selten zuvor, inklusive physisch, und von den Jungen waren die meisten auch auf der anderen Seite und mussten sich also zumindest ausgeschlossen, wenn nicht ebenfalls angegriffen fühlen von dem Spaß, den "die Linken" hatten, der lockeren Lebensweise, den Begeisterungen.

Wirtschaftlich analysiert, waren schon die 1960er für die herrschende Klasse ziemlich bedrohlich, weil ihnen der Arbeitsmarkt entglitten war: Es gab "Vollbeschäftigung" und entsprechend wurde die Gewerkschaft stark, es gab, historisch ziemlich einmalig, eine Steigerung des Anteils der Lohneinkommen im Verhältnis zu den Vermögeneinkommen. Über die Mitbestimmung und die Sozialpartnerschaft mussten Gewerkschafter in die Leitungsgremien der Firmen und sonst in die maßgebenden Kreise zugelassen werden. Seit den 1970ern wurde daran gearbeitet, nicht nur die Bewegung der Jugend zurückzustutzen, sondern auch diese Beteiligung von Personen, die dort nichts zu suchen hatten, wieder loszuwerden. Der Arbeitsmarkt war am leichtesten wieder einzufangen, nämlich durch die Anwerbung der "Gastarbeiter". Interessant ist, dass sie so lang gebraucht haben, um auf die Idee mit dem Kapitalexport zu kommen, die ja viel einfacher und sinnvoller ist. Erst mit dem Umbau auf Neoliberalismus gelingt es offenbar, die Oberschicht wieder zu "bereinigen": Jetzt wird die Gewerkschaft – nicht ohne beachtliches eigenes Zutun – demontiert.

Insofern stehen die Angriffe auf "1968" in einem weiten Kontext von gesellschaftlichen Veränderungen. Allerdings ist der roll-back – auch in den Universitäten, die wieder auf ihre eigentliche Aufgabe der Reproduktion der bestehenden Eliten zurückgebracht werden – eigentlich ziemlich abgeschlossen, man könnte sich anderen Problemen zuwenden.

Kämpfe und Verletzungen gab es aber auch (und vielleicht besonders) innerhalb "der Linken". Bekanntlich ist das Jahr 1968, von der Bewegung her gesehen, der Anfang vom Ende: Die guten Zeiten der Jugendbewegung lagen davor, in den 60ern, und die heiße Zeit der Auseinandersetzungen lag danach, in den 70ern. Dabei sollte man nicht übersehen, dass es nicht nur die Freuden der Jugend- und der Alternativkultur gab, sondern ebenso die autoritären Zerfallsformen der Bewegung in den K-Gruppen und deren Kampf gegen die Antiautoritären. Dazu kam der linke Terrorismus – auch er eine Form von Realitätsverlust. Die antiautoritäre Bewegung, ebenso sehr Jugendbewegung wie Kulturrevolution, deren politische Ideen anarchistisch waren, wurde von den Fraktionen des autoritären Sozialismus in Schwierigkeiten gebracht. Man sollte einerseits die Selbstzerstörung der Bewegung in der Nachstellung von kommunistischen Taktiken als Farce und nicht zuletzt in der Gründung von Pseudo-Parteien und einer tatsächlichen Partei (der Grünen), andererseits den Opportunismus der Beteiligten eher genau sehen. Was an dieser Bewegung Kulturrevolution und Anarchismus war, hat sozialgeschichtliche Bedeutung, was daran sich in die offizielle Politik drängte, war eine Katastrophe.


In dieser Studiengruppe zu "1968" wird die Literatur analysiert, die 2008 zum Thema erscheint. Ein erster Befund ist auffällig: Die Welle von deutschsprachigen Büchern zu diesem Thema hat kein Äquivalent in Frankreich, in Italien oder im Englischen und Amerikanischen. (Das ist leicht festzustellen durch einen Vergleich der Ausbeute entsprechender Stichworte bei amazon.de, amazon.fr und amazon.com. Leider gibt es kein amazon.it, aber nach den sonst zugänglichen Quellen ist auch dort der Buchmarkt bei weitem nicht so von "1968" belastet wie der deutschsprachige.) Es scheint also ein spezielles "deutsches Problem" mit 1968 zu geben, das in anderen Ländern nicht (mehr) besteht – oder zumindest glauben die Verleger das. Nur ein geringer Teil der Bücher stammt von Historikern und/oder hat den Charakter von Historisierung der damaligen Ereignisse, also der Einordnung in einen umfassenderen Kontext. Der Großteil ist immer noch Betroffenen-Literatur, nicht exklusiv der "Veteranen", sondern auch der nachfolgenden Generation(en). Was auch oberflächlich auffällt: Die Frauenbewegung lässt sich von diesem Kulturindustrie-Rummel nicht zu größeren Beiträgen provozieren. Ebenso fehlen die deklariert Konservativen.

Wir werden hier diese Neuerscheinungen analysieren – und uns damit gegen den April/Mai 2008 wappnen.
Die allgemeinste These ist: Der antiautoritäre, widerständige und befreiende Impuls wird, beabsichtigt oder nicht, für irrelevant erklärt.
Aber es kommt auch auf die Einzelheiten und auf die Widersprüche an.