Architektur und Kulturindustrie
Christine Resch
Die ersten Beispiele, die Horkheimer und Adorno im Kulturindustrie-Kapitel in der Dialektik der Aufklärung (1944/47) verwenden, sind solche aus dem Bereich der Architektur. Architektur ist eine besonders realitätsmächtige Kulturindustrie-Sparte. Durch Architektur wird Herrschaft dargestellt und den Beherrschten (buchstäblich) ihr Platz in der Gesellschaft zugewiesen. Architektur verschafft uns eine sehr "handfeste" Erfahrung von Gesellschaft: Gebäude und Straßen bestimmen, wie wir uns in der Stadt bewegen können; Wohnungen strukturieren unsere Lebensweise; Fabriken und Bürogebäude, Kaufhäuser und Einkaufsmeilen definieren uns als Arbeits- und Konsumkraft; in den Unterhaltungstempeln – von Diskothek und Kino über Museum und Opernhaus bis zu Jahrmärkten und Public Viewings bei Sport-Großereignissen – werden uns Normen nahegelegt bis aufgezwungen, wie wir mit Künsten aller Art und öffentlichen Plätzen umzugehen haben, wer letztere zu welchem Zweck vorübergehend "besetzen" darf. Wie genau das jeweils inhaltlich festgelegt wird, ändert sich historisch und mit den Produktionsweisen. Die autogerechte Stadt im Unterschied zu Paradestraßen für Militäraufmärsche, die bürgerliche Villa im Unterschied zum feudalen Palais, die fordistische Küche im Unterschied zum repräsentativen Salon, das Museum als Bildungseinrichtung im Unterschied zum Museum als Massenmedium, das Fabrikdorf im Unterschied zur Pendler-Vorstadt, die inzwischen von Securities bewachten vormals öffentlichen Räume wie die innenstädtische Einkaufsstraße, der Bahnhof oder Universitätscampus, um nur einige Beispiele zu nennen. Städtebau und Architektur sind damit besonders interessante Gegenstände, wenn wir uns mit Herrschaft und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Konflikten beschäftigen: Wem steht was zu, wer kann sich was unter welchen Bedingungen und wie genau aneignen, welche Verwendungen sind umkämpft?
Zugleich ist Architektur selbst eine Kunstform. Von der Italien- und damit Ruinenfaszination der deutschen Klassik und Romantik bis zu gegenwärtigen Städtekurzreisen ist Architektur Gegenstand des (touristischen) Interesses. Traditionell war es die Architektur einer vergangenen Herrschaft, die touristisch attraktiv war. Auch das hat sich verändert. Seit der Postmoderne werden wir von den "Fassaden der Macht" als Touristen eingeplant und zum Staunen gebracht. Das gilt für die Selbstdarstellung des Kapitals, aber auch für Verwaltungs- und Regierungsbauten, die den "Souverän" als zu unterhaltendes Publikum einbeziehen und gegebenenfalls dafür auch zur Kasse bitten. Selbst "gehobene" Wohnviertel machen sich für Besuchern und Mieter oder Käufer unter touristischen Gesichtspunkten attraktiv. Im Bereich der Museumsarchitektur haben spektakuläre Bauten für Aufsehen, aber auch für (normative) Skandalisierungen gesorgt: Museumsgebäude als Diener der Kunst oder als eigenständige Sensation, war eine der Fragen, die in den Debatten verhandelt wurden. Die touristische Haltung hat insgesamt Implikationen, woran wir uns nicht beteiligen oder womit wir nicht konfrontiert werden sollen. Wir haben es mit dem Modell eines geordneten und wohlorganisierten Einkaufserlebnisses zu tun. Den politisch und sozial kompetenten Bürger sehen solche Arrangements nicht vor.
Für Architektur-Interpretationen sind aber auch ästhetische Fragen relevant. Es hat in der Architektur, anders als etwa in der Literatur, nie eine Unterscheidung zwischen E & U gegeben. Herrschaftsarchitektur war bis zur Postmoderne eine ernste Angelegenheit, die Architektur für die Beherrschten war einfach nur billig und schäbig, aber nicht "Pop- oder Unterhaltungs-Architektur". Unter ästhetischen Gesichtspunkten war und ist sie kaum der Rede wert und allenfalls negativ stilbildend – man denke an "Mietskaserne" oder "Plattenbau" –, wenngleich massenhaft gebaut. Aber auch für Herrschaftsarchitektur stellt sich aus einer Kulturindustrie-Perspektive die Frage, welche architektonischen Formen jeweils auf der Höhe der Produktivkraft einen eigenständigen Stil darstellen und welche anderen dagegen überkommene Elemente "nur" zu einem neuen Erscheinungsbild zusammengekleistert haben. Letzteres ist am Beispiel des "Historismus" augenscheinlich: Hier werden selbstbewusst vergangene Stile adaptiert. Auch das lässt Rückschlüsse auf die sozialen Träger der historisch jeweils dominanten Architektur zu: Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts hat mit seinen repräsentativen Bauten keinen eigenständigen Stil entwickelt, vielmehr die Bauten der feudalen Herrschaft imitiert. Die "Moderne" als genuin bürgerlicher Stil – repräsentiert etwa durch Adolf Loos oder das Bauhaus – konnte sich nicht durchsetzen und wurde vom Bürgertum nicht als "seine" erkannt.
Hier soll in Einzel-Studien ein Spektrum an möglichen Themen für die Analyse von Architektur umrissen werden. Das reicht von der Interpretation einzelner Gebäude über Untersuchungen von Stadtteilen bis zu städtebaulichen Konzepten. Historische Veränderungen verschiedener Gebäude-Arten, ästhetische und stilistische Errungenschaften oder Imitationen, Vergleiche zwischen der Architektur der Herrschenden und der der Beherrschten können Gegenstand von Deutungen sein. Als gemeinsame Klammer schlagen wir vor, die Arbeitsbündnisse zu rekonstruieren. Welche (gesellschaftlichen) Erfahrungen werden den verschiedenen sozialen Positionen durch Architektur und Städtebau aufgedrängt, welche Formen der Aneignung sind (vorübergehend) in welchen sozialen Positionen möglich, welche widerständigen Verwendungen sind beobacht- und denkbar? Vielleicht schließt sich das in der Summe auch zu einer sozialwissenschaftlichen Theorie von Architektur als Sparte von Kulturindustrie.
|