Intellektuelle Praxen unter den Bedingungen von erweiterter Kulturindustrie

 

Susanne Martin 

 

"Der Intellektuelle" verschwindet allmählich hinter dem Horizont. Im Deutschsprachigen ist es halbwegs unbestritten gerade noch Jürgen Habermas, dann kommen schon die Peter Sloterdijks, danach die Harald Schmidts, wenn nicht Hape Kerkelings bis hinunter zu den Dieter Bohlens – Prominente, die inhaltlich etwas zu sagen haben mögen oder eher nicht, die aber gehört werden, weil sie unterhalten (und damit gutes Geld machen) und den anderen Journalisten erstens neidvoll imponieren und ihnen zweitens ihrerseits Kommentierendes oder Nachahmendes zu schreiben geben.

Viele bedauern diesen Niedergang der Intellektuellen-Figur des 20. Jahrhunderts. Man kann ihn aber auch als Fortschritt einschätzen: Es wird dadurch Platz für eine breitere Beteiligung an den Debatten um Zustand und Zukunft des Gemeinwesens. Einiges spricht dafür, dass durch Prominenz statt Intellektualität das Niveau der öffentlichen Äußerungen gesunken ist. Es kann aber auch so sein, dass die wichtigen intellektuellen Praxen nicht (mehr) in der kulturindustriellen Öffentlichkeit stattfinden, vielmehr in Teil- und Nischen-Öffentlichkeiten, die sich von dem, was in den "großen" Zeitungen und im Fernsehen unentwegt dahergeredet wird, abgekoppelt haben oder sich allenfalls mit Spott und Hohn darauf beziehen. Das wäre zu erforschen. Das Spektrum der intellektuellen Praxen jenseits der "öffentlichen Öffentlichkeit" zu beschreiben, wäre ein Anfang.

Als entscheidende Größe ist zudem ernst zu nehmen, dass die "gebildete Klasse" heute einen Umfang hat wie nie zuvor. Über 90% aller Wissenschaftler, die es je gab, leben (und publizieren) heute. In dieser Situation nach den herausragenden Kants, Nietzsches und Sartres zu suchen, wäre seltsam genug. Der Intellektuelle wird daher hier zuallererst und ganz allgemein als Kopfarbeiter verstanden. Das ist nicht der Scheu vor einer näheren Bestimmung geschuldet, wird auch nicht gewählt, um sich der Frage zu entziehen – die seit der Erfindung des Wortes Ende des 19. Jahrhunderts bis heute gestellt wird –, wer oder was ein Intellektueller eigentlich sei. Im Gegenteil, der Begriff "Kopfarbeiter" verweist genau auf das, was es zu analysieren gilt: eine von Handarbeit befreite und daher herrschaftlich privilegierte Existenz bzw. soziale Position.

Der Begriff "Kopfarbeiter" konzentriert den Blick zudem auf Arbeit oder genauer: auf intellektuelle Arbeit und verhindert, den Intellektuellen ausschließlich anhand von personalen oder charakterlichen Eigenschaften zu identifizieren. Nicht (oder nicht nur) Tugenden wie Mut, Weisheit oder moralische Lauterkeit zeichnen den Intellektuellen aus, sondern die spezifische Form der intellektuellen Praxis (wobei auch Theorie als eine solche gilt). Wie andere Formen der Arbeit unterliegt die intellektuelle Praxis sich verändernden gesellschaftlichen Möglichkeiten und Standards, mit anderen Worten: den jeweiligen intellektuellen Produktionsbedingungen. Diese können und müssen historisch konkret bestimmt werden, um den Intellektuellen und seine Tätigkeit zu charakterisieren. Auch gleichzeitig und neben einander (oft im Konflikt) gibt es jeweils verschiedene Formen der intellektuellen Praxis: explizit politische, künstlerische, wissenschaftliche, philosophische; Partei-, Bewegungs-, Berufs-Intellektuelle, die Intellektuellen der "öffentlichen Einsamkeit", Klüngel und Gruppen von Intellektuellen usw. Vor allem ist man "Intellektueller" nicht unbedingt "im Hauptberuf", man lebt nicht notwendig davon, sondern man ist es in einzelnen Praxen, die daher genauso einzeln und unabhängig von ihren Akteuren zu untersuchen sind.

Der Intellektuelle kann nicht einmalig und verbindlich bestimmt, sondern muss kontextualisiert werden. Es geht demnach darum, historische und gegenwärtige Intellektuellenfiguren und ihre spezifische Form der intellektuellen Praxis zu untersuchen, immer vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen. Das ist sowohl theoretisch als auch empirisch möglich, und dazu will diese Arbeitsgruppe ein Forum bieten.

Ein Schwerpunkt soll auf gegenwärtigen (kulturindustriellen) Intellektuellenfiguren liegen. In der sogenannten Wissensgesellschaft findet intellektuelle Arbeit unter erweiterten kulturindustriellen Bedingungen statt. Erweiterte Kulturindustrie drückt sich ganz allgemein in der Rationalisierung und Entqualifizierung von intellektueller Arbeit aus, die zugleich unter verschärftem Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck erfolgt. Die derzeitige Hochschulreform ist dafür ein gutes, aber nur ein Beispiel. Erweiterte Kulturindustrie verweist insgesamt auf veränderte intellektuelle Produktionsbedingungen, die neue oder zumindest andere intellektuelle Haltungen und Praxen evozieren.

So können etwa Medienintellektuelle, Prominente, (Politik-)Berater und Experten aller Art als wichtige Intellektuellenfiguren der Wissensgesellschaft identifiziert werden. Welche anderen – affirmativen wie widerständigen – Haltungen sind denkbar? Was kennzeichnet intellektuelle Praxis unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen? Worin unterscheidet sie sich von historischen Formen? Und nicht zuletzt: Welche widerständigen, also herrschaftskritischen und befreiungstheoretisch orientierten Praxen sind heute (gegen die Strukturen) denkbar und möglich?

 

Die Studiengruppe wird betreut von Susanne Martin. Bei Interesse an aktiver Teilnahme bitte eine Email an martin@soz.uni-frankfurt.de senden.

Die aktive Teilnahme setzt Registrierung bei der folks-uni voraus.