Salon des Indépendants

Zur Kritik des Akademismus in den Sozialwissenschaften

Programm einer notwendigen Zeitschrift

In Frankreich herrschte seit Ludwig XIV über Absolutismus, Revolution, Bonapartismus, monarchische Reaktion und Republik hinweg ein staatliches Kunst-Monopol. Es war organisiert in der Académie des Beaux-Arts als Ort der orthodoxen Kunst-Ausbildung und in dem jährlichen Salon, dessen Exponate die Professoren der Académie gemeinsam mit Regierungsvertretern auswählten, und natürlich in einem Kunst-Ministerium, das die Finanzierung und die Regeln des Betriebs verwaltete. Seit Courbets Pavillon du Réalisme 1855 und dem Salon des Refusés 1863 (mit Manets Déjeuner aux herbes) gab es immer wieder Gegenveranstaltungen zum Salon, die sich ab 1880 im Salon des Indépendants konsolidierten. Damit war die Vorherrschaft des Akademismus in der Malerei zu Ende.

Der akademische Betrieb kehrt zu seinem historischen Normal-Zustand zurück

Heute ist es für jemanden, der oder dem Wissenschaft wirklich etwas bedeutet, eine kluge Entscheidung, keine Universitäts-Professur zu übernehmen. Die Universität ist zu einem Ort geworden, an dem gute, kritische Sozialwissenschaft eher verhindert als ermöglicht wird. Das wird sich in dem Maß noch verstärken, in dem die unter dem albernen Stichwort „Bologna-Prozess“ betriebene Reform weiter durchgeführt wird.

Daran ist nichts Ungewöhnliches: Es gibt kein Einzelinteresse in der Gesellschaft, kritische Sozialwissenschaft zu bezahlen. Sozialwissenschaftler müssen die Bezahlung, die die Frühstücks-Brötchen finanziert, für eine andere Leistung bekommen: zum Beispiel dafür, dass sie die Kinder der Oberschicht und die Aufsteiger-Kinder, die als Herrschafts-Hilfskräfte kooptiert werden sollen, unterrichten und mit Berechtigungsausweisen versehen. Das kann aber auch etwas anderes sein (Tycho de Brahe musste seinem Fürsten jeden Tag das Horoskop legen), es muss nur genügend Zeit und Energie übrigbleiben, dass man daneben die Wissenschaft betreiben kann, die einem wichtig ist. Dieses Verhältnis stimmt an der Universität schon lang nicht mehr und es wird mit Gehaltskürzungen und erhöhten bürokratischen Anforderungen und Kontrollen gerade noch ungünstiger gemacht. Die Universität bietet dem Wissenschaftler einen ebenso entfremdeten Job wie etwa eine Bank und lässt ihm nicht viel mehr Zeit für Wissenschaft als diese.

Ungewöhnlich war nur, dass es seit der letzten großen Universitätsreform in den 1970er Jahren zumindest an einigen Universitäten kritische Sozialwissenschaften institutionalisiert gab. Das ist als historische Ausnahme für die Beteiligten ein glücklicher Zufall gewesen. Diese Anomalie wird bei Gelegenheit des Generationenwechsels bereinigt.

Von dieser glücklichen historischen Ausnahme sollte man sich nicht den Blick darauf verstellen lassen, dass die Universität keine besonders ehrwürdige Institution ist: Sie wurde immer wieder und zu fast allen Zeiten (zurecht) als Hort der Reaktion und der verknöcherten Orthodoxie gesehen (Schopenhauers Tiraden gegen die Professoren-Philosophie sind ein großes Beispiel).

Dazu ist die Universität als Organisation so dysfunktional wie sonst wahrscheinlich nur eine Broker-Firma oder eine überdimensionierte Sozialbehörde: jeder für sich und Gott gegen alle und niemand übernimmt die notwendige „Hausarbeit“. Hinzu kommt eine oft feindselige Verwaltung und ein Management, dessen Spitze aus Wissenschaftlern rekrutiert wird, die die Wissenschaft verlassen und lieber unvorbereitet an die Spitze eines Großbetriebs gesetzt werden wollen. Dass eine solche Einrichtung überhaupt läuft, ist ziemlich erklärungsbedürftig und liegt nach langjähriger Beobachtung an einer kleinen Gruppe von Profs und Mittelbauern, die sich der Klientel verpflichtet fühlen oder sich ihr nicht entziehen können und entsprechend rackern.

Dazu kommt die Monokultur der Projekt- und Drittmittel-Forschung, in der ein bürokratisches Format von Forschung erzwungen wird, das gute Einfälle und interessante Ergebnisse zum gelegentlichen Glücksfall macht, der gegen die Strukturen auch einmal vorkommen kann. Und die Profs werden dadurch zuverlässig an eigener Forschung gehindert, weil sie nämlich Anträge schreiben und begutachten müssen und sonst mit Forschungs-Management ausgelastet sind. Interessante Forschungsmöglichkeiten, etwa in studentischen Projekten, in Sekundärauswertungen, in Ereignis-Forschung, in unkonventionellen Interventionen und was sonst einfällt und entwickelt gehört, weil es nur an der Uni und mit ihren Mitteln (vor allem mit den Studierenden) getan werden kann, wird darüber versäumt.

Die zwischenmenschliche Misere ist auch leicht zu erklären: Strukturell werden narzisstische Persönlichkeiten an der Universität rekrutiert – denn das muss man sein, um die Einsamkeit und Unbelohntheit des Schreibens auszuhalten. Was damit an Ansprüchen verbunden wird, lässt sich aber weder dort, noch sonst in der Gesellschaft mehr sozialverträglich ausleben. Die Anerkennung, die man sich selbst nicht geben kann, gibt einem auch sonst niemand. Daher laufen sie den Rest ihres Lebens beleidigt herum und sorgen immerhin dafür, dass alle anderen ebenso beleidigt werden. Im übrigen besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen diesem Rekrutierungs-Kriterium und dem, was der Job tatsächlich erfordert – nämlich hohe soziale Kompetenz, persönliche Organisiertheit, Souveränität gegenüber bürokratischen Anforderungen und nicht zu geringe Leidensfähigkeit – das alles zusätzlich zu dem, was Wissenschaftlichkeit ausmacht. Insofern sind fast alle auch fast immer hoffnungslos überfordert, was zum narzisstischen Rückzug auf sich selbst beiträgt.

Man kann begabten Sozialwissenschaftlern heute nur raten,

a/ möglichst lange die Mittelbau-Position zu nutzen, die ist als einzige immer noch der Wissenschaft zuträglich (natürlich wird daran gearbeitet, das auch zu ruinieren, siehe Junior-Professuren);

b/ sich die akademischen Weihen immerhin geben zu lassen, wenn es ohne Charakterverbiegungen geht; dann aber

c/ sich aus der Universität zu verabschieden.

Akademismus

Wissenschaft wird heute in zwei Formen kulturindustriell vereinnahmt: marktförmig im Sachbuch und verwandten Genres der Unterhaltung und der Gebrauchsanweisungen – verwaltungsförmig in den Forschungsberichten und damit verwandten Genres des akademischen Betriebs. Dazu gibt es die cross-over-Produkte, in denen Professorinnen sich am Sachbuch und in der Beratung versuchen und deren Arbeitsbündnisse in die Wissenschaft tragen. In der Politik-Interpretation werden Journalisten oft als Quasi-Wissenschaftler und jedenfalls die besseren Expertinnen be- und gehandelt. Ein gelegentlicher Transfer sind nützliche Schlagworte wie „skeptische Generation“, „Individualisierung“, „Anerkennung“ oder „Wissens-Gesellschaft“. Am häufigsten freilich ist kein Transfer, sondern Selbstlauf des Wissenschaftsbetriebs: Akademismus.

Der Akademismus in den Sozialwissenschaften ist zum Großteil selbstverschuldet.

Durch die große Zahl der Konkurrentinnen um Posten und Forschungsgelder wird Gutachten und Begutachtet-Werden zur zentralen Aktivität des Betriebs. Das bedeutet in einer in Schulen gespaltenen Disziplin, dass im günstigen Fall Gutachten-Kartelle auf Gegenseitigkeit funktionieren, im ungünstigen Fall aber auf dem Rücken des Einzelfalls Schulen-Streitigkeiten ausgetragen werden (auch Intrigen auf persönlicher Basis sind nicht ausgeschlossen, versteht sich). Das geschieht anonym, also verantwortungslos. Gewöhnlich werden die Gutachten aber doch bekannt und sind auch identifizierbar: Jedes Besetzungs- und Vergabe-Verfahren stiftet Feindschaften fürs Leben. Das inhaltliche Ergebnis ist Privilegierung von Angepasstheit und Mittelmaß.

Der Forschungsbetrieb ist durch den Drittmittel-Fetisch (Universitäten operationalisieren ihren Forschungs-Erfolg schlicht als Summe der eingeworbenen Drittmittel) und das Fehlen einer autonomen Forschungs-Infrastruktur auf bürokratisch organisierte Projekt-Forschung eingeengt und in der Zuteilung der eben genannten Dynamik von Gutachten und Begutachtet-Werden unterworfen. Das Projekt-Format erzwingt langfristig geplante Forschungsvorhaben (gewöhnlich für zwei bis drei Mitarbeiter-Stellen auf zwei Jahre); eigene Daten-Erhebung nach einer anerkannten Methode (am sichersten ist immer noch die Umfrage) ist zwingend, „Theorie“-Projekte sind fast nicht durchzukriegen; inhaltlich sind meist Rahmen-Programme vorgegeben, in die das Thema eingepasst werden muss. (Die Fähigkeit, jedes Thema in jede beliebige Rahmen-Vorgabe hineindefinieren zu können, ist eine entscheidende Kompetenz des Drittmittel-Anträge-Virtuosen.) De facto dienen diese Projekte der Ausbildung von Absolventen, die keine der raren Mittelbau-Stellen bekommen können; erfahrene Forscherinnen zu beschäftigen, wird durch die Begrenzung von Anstellungs-Jahren an der Universität wirksam verhindert. Sobald ein Projekt bewilligt ist, beschränkt sich das Interesse daran auf die ordnungsgemäße Abrechnung der Mittel und die halbwegs zeitgerechte Abgabe eines Berichts, so dass der „Vorgang“ geschlossen werden kann. Publikationen daraus werden freudig überrascht registriert. Wer von Projekten lebt, muss im zweiten Jahr des einen Projekts ohnehin schon an der Beantragung des nächsten arbeiten und hat daher keine Kapazität für solchen Luxus. Forschungsberichte werden daher nicht zur Veröffentlichung aufregender Ergebnisse geschrieben, sondern zur bürokratischen Rechtfertigung eines ordnungsgemäßen Verbrauchs von zugeteilten Mitteln. Für eine Veröffentlichung müsste man anschließend noch einmal neu ansetzen, was gewöhnlich nicht geschieht. Manchmal will es das Unglück, dass ein Forschungsbericht wie abgeliefert veröffentlicht wird.

Im Geschäft der massenhaften, aber selektiven Vergabe von Berechtigungsscheinen, des Akquirierens von Drittmitteln und der sonstigen Produktion von Tätigkeitsnachweisen für die Verwaltung wird an der Universität die geduldige und rücksichtslose Nachdenklichkeit, ohne die Reflexivität nicht zu haben ist, wirksam eingestellt. Das gesamte Feld der Praxen des akademischen Betriebs (von zu großen Zahlen Desinteressierter überlaufene Vorlesungen und Seminare, unter Zeitdruck – oft buchstäblich per „copy“ und „paste“ – zusammengekleisterte Prüfungsarbeiten, „öffentlichkeitswirksame“ Kongresse, deren wichtigstes Ergebnis mediale Berichte darüber, die in der Verwaltung gesammelt werden können, und ein Berichtband sind, eingeworbene Drittmittel und wohlorganisiert nach Standard-Methoden „durchgezogene“ Forschungsprojekte, abgezählte Veröffentlichungen und Zitationen) ist eine höchst rationale Organisation zur Verhinderung von Wissen und besonders von reflexivem Wissen.

Diese Tatsache, dass man heute Wissenschaft vor der Universität retten muss, die sie austreibt und ruiniert, wird überdeckt von technokratisch-betriebswirtschaftlichem Reform-Geschwafel, das nur dem weiteren Ausbau von Verwaltung und ihrer Macht dient. Professorales Jammern über die neuen Zumutungen ist allgegenwärtig, bleibt aber in der erweiterten Verwaltungs-Diktatur der Universitäten wirkungslos. Durch die Verweigerung der notwendigen Stellen-Vermehrung wird nicht nur Überarbeitung, sondern ein neues „akademisches Proletariat“ von ein bis zwei „übersprungenen“ Generationen von Wissenschaftlern erzeugt. (Ein Ministerialbeamter hat bekanntlich von „Verschrottung“ gesprochen.) Es gibt inzwischen in den Sozial- und Geisteswissenschaften auffallend viele Leute, die in der Situation sind: habilitiert, aber für die Universität unakzeptabel und dann nach einigem Zögern damit arrangiert, dass Wissenschaft anderswo stattfinden muss.

Das muss natürlich eine andere Wissenschaft sein, wie man sie entwerfen und praktizieren kann, wenn man einmal die Idee aufgegeben hat, dass man davon leben können soll – und es müssen Praxen der Wissenschaftlichkeit sein, in denen die Universität die ihr zukommende marginale Rolle hat. Praxen der Reflexivität haben außerhalb des Betriebs ihr Zentrum: vor allem in der stillen Einsamkeit des Schreibtisches, erweitert zu der losen Zusammenarbeit einer Gruppe von Gleichgestimmten, die heute nicht mehr auf den Zufall eines gemeinsamen Ortes angewiesen ist und die für und mit einander schreibt. Erst außerhalb des Betriebs kann man es „sich leisten“, Wissenschaftlichkeit zu praktizieren, die Markt wie Verwaltung rechts liegen lässt und sich auf die Sache konzentriert: die begriffliche und theoretische Auseinandersetzung der Gesellschaft mit sich selbst in der Arbeit von denkenden Menschen, die zum Fachidiotentum des Wissenschafts-Betriebs eine Position der Marginalität haben, weil sie nicht zugelassen werden, die Bedingungen nicht akzeptieren oder es hinter sich gelassen haben.

Die Produktionsmittel bestehen in der hochgezüchteten Kenntnis der Gesellschaft und des Betriebs ihrer Beschreibung und Darstellung – und in der reflektierten Entfremdung von beiden. Die Gefahr der Borniertheit des Wissens über Gesellschaft durch einen tiefen Graben zwischen Hand- und Kopfarbeit besteht heute vor allem in der abgehobenen Verwaltung und Politik und in dem ihnen zugehörigen akademischen Betrieb. Außerhalb dieser „geschützten Werkstätten“ gehören zumindest Exkursionen in die Bereiche der Handarbeit und häufig auch des Subproletariats, also der improvisierten, desorganisierten Arbeit, zu den durchschnittlichen Erfahrungen einer verlängerten Jugend – die auch für Sozialwissenschaftlerinnen, die nicht durch Herkunft und Lebensweise extensive Erfahrungen von Gesellschaft und ihren Subkulturen haben, Material und Bezugspunkt ihrer Arbeit bleiben können. Den Betrieb genau kennen und ihm entfremdet gegenüberstehen, ihn zu beherrschen und seinen Zwängen freiwillig oder unfreiwillig entzogen zu sein, das ist eine brauchbare Situation, um Reflexivität zu ermöglichen.

Salon des Indépendants pflegt als Internet-Zeitschrift in Reflexion und Kritik das, was Sozialwissenschaft im emphatischen Sinn ist: Selbstreflexion der Gesellschaft, um sich selbst zu begreifen. Im Normalfall geschieht das freilich unter Bedingungen der kulturindustriell zum Selbstläufer gewordenen Ideologie-Produktion: Es ist kein Pfaffentrug, keine bewusste Lüge nötig, wo die Organisation von nützlichen „images“ und „corporate identities“, insgesamt also von „Wirklichkeiten“ zu einer ausdifferenzierten Reihe von – übrigens sozialwissenschaftlichen – Berufen der PR, des Medien-Design und der Politikberatung geworden ist. Selbstreflexion der Gesellschaft setzt daher besondere Anstrengungen der Reflexivität voraus, die im Betrieb des Akademismus nicht zugelassen und zumindest nicht gefordert werden.

Das wichtigste Material dafür sind die Selbst-Thematisierungen von Gesellschaft, die von den damit Beauftragten: PR-Profis, Journalisten, Politikern, Interessenvertretern, Verwaltern, Managern, Beratern, neuerdings auch wieder von Kirchen und Sekten, besonders aber und immer noch mit Autoritäts-Anspruch von universitären Lehrern und Forscherinnen verbreitet werden. Kritik der Wissenschaft ist der allgemeinste Ausgangspunkt von reflexiver Sozialwissenschaft. Kritik des Akademismus in der Wissenschaft nimmt die vorherrschende Form in den Fokus, in der heute Aufklärung kulturindustriell verhindert wird: nicht durch Zensur und Verbote, sondern durch die Bedingungen, unter denen etwas, das dann Wissenschaft heißt, massenhaft produziert wird.

Kritik – man kann es nicht oft genug wiederholen – ist seit Kant das Gewinnen von Wissen durch die Analyse der stillschweigenden Voraussetzungen, die bestimmte Erkenntnisse erst möglich machen: Bei ihm waren das ganz abstrakt die Kategorien von Zeit, Raum und Kausalität, in der gesellschaftlich konkreten Analyse sind es die von Herrschaft und ihren Formen in den unterschiedlichen Produktionsweisen. Kritik ist Reflexivität. Reflexive Sozialwissenschaft ist Kritik in dem doppelten Sinn: einerseits Nachweis des ideologischen Gehalts von Wissen, das im main-stream produziert wird, andererseits Analyse der (begrenzten) Erfahrungen von Gesellschaft und der kulturell tradierten Denkmodelle, auf denen das beruht, also des Aspekts von notwendig falschem Bewusstsein.

Das wichtigste Genre von Analyse, die der Salon des Indépendants ausstellen wird, sind

Reflexive Untersuchungen

Es geht um die Erkenntnisse, die sich aus der Kritik der herrschenden Wissenschaft gewinnen lassen, um reflexive Auswertung dessen, was herrschaftlich verformt daherkommt, um die Formen der Herrschaft darzustellen. Das kann man an einer einzelnen Abhandlung, sogar an einer einzelnen Behauptung vorführen, es kann aber auch eine ganze Forschungsrichtung sein, ein Begriff und seine Geschichte, eine Theorie und ihre Rezeption oder die Artefakte einer Standard-Methode. Immer geht es um die herrschaftlichen Zurichtungen des Denkens, deren Analyse die Formen der Herrschaft sichtbar macht, unter denen wir leben und dieses Leben in der Gesellschaft zu begreifen versuchen.

Die Beiträge zu dieser Analyse können unterschiedlich umfassend in großen oder kleinen Formen daherkommen, als Glossen, Interpretationen und Polemiken oder als große Artikel. Sie können auch die Form einer Rezension haben, deren Ziel es aber sein muss, die Eigenheiten des besprochenen Textes auf seine Produktionsbedingungen im Wissenschaftsbetrieb und/oder sonst im gegenwärtigen Herrschaftsgefüge zurückzuführen. Wir machen keine Besprechungs-Zeitschrift.

Kritik im banal-alltäglichen Sinn ist dabei vorausgesetzt: das schlichte Nachweisen der handwerklichen Fehler, der Verschrobenheiten, der Denkfaulheiten, der Sprache, in der das alles geschieht – Analysen der Wissenschafts-Sprache, ihrer Bilder und Metaphern, sind ein Genre, das viel zur Herrschaftskritik beiträgt.

Die zweite große Gruppe von Exponaten ist

Kritik der Wissenschaft

Die Analyse der Einrichtungen der herrschenden Wissenschaft und dessen, was dort so geschieht, also der Strukturen von Universität und anderen Einrichtungen der Erzeugung und Verbreitung von Wissen, ist ein weiterer Bereich von notwendiger Kritik. Besonders die Praxis der Gutachterei braucht dringend mehr Öffentlichkeit. Anonyme Gutachten über Personen, und darum geht es in der Wissenschaft auch dann, wenn Produkte begutachtet werden, sind unprofessionell und oft einfach unanständig. Analysen der Gutachten-Praxis sind dringend notwendig, um Gutachter an die fachliche wie menschliche Verantwortung zu erinnern, die sie damit übernehmen. Oft wird schon die Veröffentlichung eines Gutachtens, das nicht dafür gedacht war, nützlich sein.

Auch Anmerkungen zur Lehre (zur misslingenden wie zur selbst unter gegebenen Umständen möglichen) sollten hier einen guten Platz haben.

Davon lassen sich als dritte Gruppe unterscheiden

Die Praxen des (Nicht)Wissens

Wissen ist in der Gesellschaft ungleich und ungleichmäßig verteilt. Es entsteht an verschiedenen sozialen Orten in unterschiedlichen Formen: als Erfahrungswissen aus alltäglichen und Experten-Praxen oder als schulisches bis akademisches Wissen abstrakter Art, für das oder aus dem sinnvolle soziale Praxen erst gefunden werden müssen.
Dazu wird Wissen zwischen sozialen Orten transportiert und dabei zugleich transformiert: Das geläufigste Beispiel dafür ist die Schule, die das Wissen von gestern, nämlich aus der Zeit, in der die Lehrerinnen ausgebildet wurden, „kindgerecht“ und „didaktisch“ umgeformt an die jeweils heranwachsenden Generationen bringt. Eine andere Umformung geschieht in dokumentarischen oder auch „erfundenen“ Beiträgen in Film, Fernsehen, Radio, Zeitung, Sachbuch, Lexikoneintrag usw., also in Wissen zur Unterhaltung und als Ware. Dabei wird nicht nur von oben nach unten, also von der Wissenschaft in die Unterhaltung, sondern auch von unten nach oben transportiert: Wissenschaft orientiert sich an den öffentlich gestellten Fragen. All das geschieht auf einem Raster von Herrschaft, für die Wissen und Nichtwissen auf allen Ebenen instrumentell ist. Dazu gibt es einen großen und komplementären Bereich von Wissen, das gar nicht verbreitet, vielmehr abgeschirmt und verheimlicht wird: Herrschaftswissen für Produktion und Zirkulation von Waren wie auch für Verwaltung und Politik.
Untersuchungen des Wissens, dessen Rationalisierung und instrumentelle Nutzung in der „Wissensgesellschaft“ Programm ist, setzen daher nicht nur bei der Wissenschaft an, sondern auf allen Ebenen der Verbreitung. Die genannten Vorgänge von Transport und Transformation des Wissens werden an beiden Enden des Vorgangs untersucht, ebenso wie die Struktur der Wissensverteilung in der Gesellschaft.


Über diese inhaltliche Sortierung hinaus wird es keine Trennung in „große“ und „kleine“ Beiträge geben. Die verschiedenen Formen stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Salon des Indépendants ist ein „peer-reviewed journal“ nur in dem Sinn, dass die Redaktion von Sozialwissenschaftlern die Beiträge mit Sachverstand auswählt und redaktionell betreut. Aber selbstverständlich werden wir den faulen Zauber der anonymen Gutachten, der nur Zeit verschwendet, vermeiden. Ob die Standards der Wissenschaftlichkeit eingehalten werden, können wir beurteilen, ohne uns hinter ungenannten Gutachtern zu verstecken. Ansonsten haben die Autorinnen ihre Veröffentlichungen selbst zu verantworten und sich der Debatte zu stellen.

Heinz Steinert