Hier reden wir: die Gesellschaft
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Weihnachten 2006Ergebnisse im Überblick
Christine Resch und Heinz Steinert (Unser Material sind Schilderungen über den Ablauf der Feiertage, die uns zugeschickt wurden und die wir in Gesprächen und Interviews erhoben haben. Dazu kommt das reichliche Material ähnlicher Art, das im Internet in chats und blogs geboten wird und das wir gesichtet und dokumentiert haben. Literatur und Film bieten ebenfalls Erzählungen zum Thema „Weihnachten“. Schließlich verfügen wir auch über unsere Erfahrungen als teilnehmende Beobachter dieser Zeit im Jahr. Wir danken allen, die uns Weihnachtsgeschichten zukommen ließen.)
1/ An Weihnachten ist vor allem die Zeit davor aufregend. Die Planung und Vorbereitung der Feiern und der Feiertage ist eine Aufgabe, die uns beschäftigt. Die (nicht zuletzt kommerziellen) Romantisierungen von Weihnachten finden vor dem Fest statt. Natürlich ist das auch die Zeit der Geschenke und des entsprechend angedrehten Kaufrausches in den Städten und Einkaufszentren. Danach ist es vorbei und wird schnell beiseite geschoben, zumal Silvester und der Winterschlussverkauf anstehen. Um einen anschaulichen Beleg für diese Gewichtung zu bekommen, braucht man nur einen der zahlreichen Weihnachtsmärkte während der Feiertage oder danach zu besuchen: Das ist so gut wie Kehraus. Dann muss ohnehin rasch für die öffentliche Silvester-Ausgelassenheit Platz gemacht werden.
2/ Der religiöse Gehalt von Weihnachten (Gott ist Mensch geworden) ist jedenfalls nicht Gegenstand von Gesprächen und auch für die Planung ergeben sich daraus allenfalls selbstverständliche jährliche Kirchenbesuche als Teil der Abend- und Tagesgestaltung. In einer viel zitierten Umfrage in D wussten immerhin 10% der Befragten nicht, dass es um die „Geburt Christi“ geht. (Andererseits sind 90%, die das sehr wohl anzugeben wissen, eine ganze Menge.) Der Kardinal von Köln berichtet der Rheinischen Post über seine Weihnachts-Gestaltung, dass getafelt und den Hobbys nachgegeangen werde, der religiöse Teil wird von der Zeitung als „Weihnachts-Pflichtprogramm“ erwähnt und übersprungen. (www.kreuz.net/) In England wird aus einer Umfrage der Daily Mail (11.12.06) berichtet, dass nur eine von 100 Weihnachtskarten religiöse Inhalte und Symbole zeige. „Have a December ... to remember“ ist einer der zitierten „unchristlichen“ Wünsche, der zugleich zeigt, dass es um die Zeit vor Weihnachten geht. Aber schließlich muss man aus Großbritannien auch hören, dass schon vor zehn Jahren ein Drittel der befragten Pastoren der Church of Scotland an der jungfräulichen Empfängnis und Geburt zumindest zweifelte, wenn nicht überzeugt war, dass nicht. (www.telegraph.co.uk)
3/ Politisch korrekte Weihnachts-Verrenkungen Der „Kampf gegen Weihnachten“ wird zwar mehr von den christlichen Fundamentalisten in den USA beschworen, als dass er wirklich stattfände, aber das hat auch seine Logik: Weihnachten müsste nur bekämpft werden, wenn es wirklich das christliche Fest wäre, als das es außer den Fundamentalisten niemand sieht. Es gibt schon lange keinen Grund mehr, Weihnachten als spezifisch christliches Fest zu verstehen: Es ist auch für Christen eine Strecke von Feiertagen am Endes des Jahres, in der Weihnachten sich mit Silvester verbindet und in der man erst mit der Familie gut und überreichlich isst, um anschließend mit Freunden ausgelassen zu feiern. Die Zeit vor Weihnachten ist anstrengend, weil man diesen Jahresabschluss vorzubereiten hat, sei es als Fest, sei es als Urlaub. Das bedeutet die bekannte Arbeit des Konsumierens, die bekannte Vor-Ängstlichkeit, dass etwas nicht klappen könnte, bei vielen die gewisse Unlust, sich die Familie anzutun. Ansonsten aber ist es eine durchaus erfreuliche Zeit der verringerten Arbeitsbelastung, der Besuche, des Essens und Trinkens, des Ausgehens. Niemand hat etwas dagegen, das Weihnachten, Noel oder Christmas zu nennen, solange man es nicht religiös verstehen muss. Indem man sich mit dem Wort und seiner Vermeidung herumquält, wertet man es nur auf und gibt ihm – negativ – die religiöse Aufladung, die es tatsächlich nicht mehr hat.
4/ Weihnachten ist ein Familien-Fest. Nicht nur, dass Weihnachten ein Familienfest ist: Für dreiviertel der Deutschen bedeutet Weihnachten vor allem „mit der Familie nett zusammensitzen“. (www. allgemeine-zeitung.de, 21. Dez. 06) 90% der Österreicher verbringen Weihnachten mit 2 oder mehr Personen, im Schnitt sind 4 bis 5 Personen versammelt. (Umfrage Imas 2006; österreichische Bevölkerung ab 16, Imas Report Nr. 25/2006) Auch wie Weihnachten gestaltet wird, hängt vor allem davon ab, wo man im Familienzyklus steht: vom Kindsein über Weihnachten für Eltern und Kinder organisieren bis zur großelterlichen und schließlich greisen Sentimentalität. Damit entstehen auch die Varianten, die sich aus der komplexen Struktur von multiplen Ex- und Trennungsfamilien ergeben. Weihnachten ist ein hervorragender Indikator für die Position im Familienzyklus wie für die Familiendynamik, in der man steckt. Natürlich bedeutet das viel Arbeit und in einem Teil der Fälle auch Ärger: Nach einer englischen Umfrage (Guardian, Dec 23, 2004) erwartet ein Viertel der Bevölkerung (45% der 18-24jährigen) einen Streit in der Familie. Wie viele sich unglaublich zusammennehmen und viel „hinunterschlucken“ müssen, damit das nicht geschieht, wurde nicht gefragt – wahrscheinlich soviel, dass sich das den 100% nähert. Aber das ist hier nicht die Haupt-Frage. Interessanter ist, wie sich Weihnachten im Familienzyklus gestaltet: Phase 1: Kindheit und Vorfreude Weihnachten wird für die Kinder spannend gemacht als Zeit der Vorfreude auf Geschenke und auf einen Abend, an dem sie im Mittelpunkt der feiernden Familie stehen. Sie werden im Advent mit Geschenke basteln, Lieder einstudieren, Märkte und Warenhäuser besuchen, Wunschzettel schreiben u.ä. systematisch auf Weihnachten eingestimmt. Phase 2a: Jugend und Ablehnung Irgendwann in den -teens geht die kindliche Freude an Weihnachten endgültig verloren und die Reaktion setzt ein: Weihnachten und das Familien-Getue wird höhnisch abgelehnt. Stattdessen rückt die Jugendkultur ein und ermöglicht betont Familien-Blasphemisches: laute Musik und Drogen unter Gleichaltrigen. Mehr oder weniger heimlich werden davor die Eltern besucht und (Geld)Geschenke abgeholt. Phase 2b: Paarbildung und Gleichgültigkeit Durch Paarbildung löst sich die Gleichaltrigen-Horde auf und Weihnachten kann gelassener gesehen werden. Wer es sich leisten kann, fährt auf Winterurlaub, aber man kann auch den Eltern wieder die Freude machen, falls die nicht ihrerseits die Chance nützen, um sich durch Flucht zu entziehen. Phase 3: Doppelbelastung durch Kinder und Eltern Mit den eigenen Kindern wird Weihnachten wieder aufwendig: Man muss ihnen die Vorfreude vermitteln und den nunmehr Großeltern die Freude an den Enkeln ermöglichen. Oft gibt es in der Gestaltung jetzt gute Zusammenarbeit zwischen den Erwachsenen-Generationen (also Müttern und Großmüttern). Auch die diversen Trennungs-Komplikationen werden jetzt relevant. Phase 4: Altenpflege und Sentimentalität Mit erwachsenen Kindern und jugendlichen Enkeln konzentriert sich Familie zu Weihnachten auf die Pflege der alten Eltern. Weihnachten wird zur Erinnerung an die eigene Kindheit und entsprechend sentimental.
5/ Ein spezielles Weihnachten haben die diversen Dienstleister, die aus dem Anlass besonders gefordert sind. Neben den Verkäuferinnen gehören dazu auch die Transportarbeiter und das Gastgewerbe. |
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