Hier reden wir: die Gesellschaft
|
|
Vorweihnachtliche Freuden und Ängste: „Was macht ihr an Heiligabend???“Es ist die Adventszeit, in der wir uns in Stimmung bringen (lassen), die von der Suche nach Geschenken, Weihnachtsmärkten, betrieblichen Weihnachtsfeiern und Vorbereitungen für das familiäre Zusammentreffen zu den Feiertagen geprägt ist. Nach einer deutschen Umfrage (Hamburger Abendblatt, 24. Dez. 06) sehen gleich viele (35% und 38%) die Weihnachtszeit als „Stress“ wie als Zeit der „Besinnung“. In einer online-Umfrage der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ (15. Dez. 06) schätzt die Hälfte den Weihnachtsabend als Zeit, in der man „endlich durchatmen“ könne. Welche Vorbereitungen notwendig sind, zeigt sich in den Internet-Foren in eigens dafür eingerichteten Rubriken, in denen vor allen Dinge Ratschläge ausgetauscht werden – von Rezepten für Kekse und Festmenüs bis zu Geschenktipps. Weihnachten ist das Familienfest. Was an Planung erforderlich ist, wird durch diesen Rahmen – für viele ganz selbstverständlich – festgelegt. Es gibt aber auch Leute, denen, aus unterschiedlichen Gründen, eine familiäre Anbindung fehlt und solche, die sich von den Familienfeierlichkeiten distanzieren wollen. Da man Weihnachten aber (fast) nicht ganz ignorieren kann, findet ihre Planung unter erschwerten Bedingungen statt. „Der 3. Advent ist schon da und ich weiß immer noch nicht so genau, was ich an Heiligabend machen soll... Mein Ex kommt zum Feiern und nimmt dann die Kids mit zu sich, mein Freund feiert mit seinen Kids und Ex bei sich.......... Das heißt, am späteren Abend bin ich alleine, mag ich aber nicht sein.... Hab mir überlegt, mit ner Freundin ne Kneipentour zu machen....aber nur zu zweit...ist das sicher auch nicht so prickelnd...Mag jemand mit?“ Diese Schilderung ist der Aufhänger in einem Forum, das die Zeitschrift Brigitte ihren Leserinnen zur Verfügung stellt. (www.brigitte.de; in diese Auswertung einbezogen wird auch: www.brigitte.de) Weihnachten, so lernen wir, kann nicht spontan begangen werden. Es bedarf, im Gegenteil, einer langfristigen Planung, die dann schwierig ist, wenn die Familienverhältnisse unordentlich sind. Während sich „ordentliche“ Familien auf die alljährliche Routine vorbereiten, die, abhängig von der Lebenslaufpassage, gestaltet werden will, kann es in Patchwork-Familien passieren, dass für einzelne Beteiligte zusätzliche Initiativen notwendig werden. Das ist dann der Fall, wenn sich Heiligabend von anderen Tagen unterscheiden, wenn etwas „Prickelndes“ geschehen soll. Dass die abschließende Frage nicht einfach als „offene Einladung“ verstanden wird, überrascht kaum. In der Vorweihnachtszeit dominiert in den Internet-Foren der Ratgeber-Charakter. In den folgenden Tagen verständigen sich die Teilnehmerinnen darüber, welche Möglichkeiten es gibt, mit diesem Problem umzugehen und welche davon erlaubt sind. Hier wird verhandelt, ob es eine richtige „Weihnachtsmoral“ gibt. Am konkreten Beispiel heißt das zweierlei: Die Frage, ob man am 24. in die Kneipe gehen darf und Überlegungen, ob es nicht auch „gut“ sein kann, alleine zu sein. Aber besonders normativ aufgeladen ist die Diskussion nicht, vielmehr geht es um persönliche Präferenzen: „Ich würde an Heiligabend nie in die Kneipe gehen (da geh ich sowieso nie hin) oder auf sonstige Veranstaltungen und wie ne verlorene Seele draußen rumstreunen... Da bleibt man doch, auch wenn man allein ist, lieber bei sich zu Hause, setzt sich gemütlich aufs Sofa – es kommen bestimmt ein paar Filme – als krampfhaft nach irgendwelchen 2-Stunden-Bekanntschaften zu suchen, mit denen man den Abend totschlägt.“ „Nönö...verlorene Seelen feiern alleine, ich hab ja meine Freundin und muß mir keinen Kerl suchen.“ „Übrigens kann Heiligabend in einer Kneipe äußerst amüsant sein! (ohne baggern und so)“ „Ich habe noch Bücher, die ich lesen möchte und DVS’s, die ich noch nicht angeschaut habe. Heiligabend werde ich dazu nutzen, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen und dann wahrscheinlich früh ins Bett gehen, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt.“ Die letzte Äußerung wird damit beantwortet, dass die Einladung zur Kneipentour wiederholt wird: Keine soll auch nur gefährdet sein, dass ihr an Heiligabend „die Decke auf den Kopf fallen“ könnte. Foren enthalten Aspekte einer Kontaktbörse, wenn damit die minimalsten Ansprüche an dieses Fest einzulösen sind. Weil es aber wahrscheinlich ist, dass man nicht in der gleichen Stadt wohnt, wird auf lokale Möglichkeiten verwiesen, andere Vereinsamte zu treffen. Dass das als „Weihnachtsmoral“ festgehalten wird, hat mit der Nachhaltigkeit zu tun, mit der manche ihre Angst vor der Einsamkeit artikulieren: „Auf jeden Fall bin ich dieses Jahr Weihnachten nicht so gerne alleine, das bin ich schon genug die anderen Tage im Jahr.“ Selbst Leute, die beteuern, überzeugte Singles zu sein, fürchten, sich Weihnachten unendlich zu langweilen und „dann kommt auch noch Silvester! Der längste Abend im Jahr.“ Und es ist legitimationsbedürftig, dass man Angst hat, Weihnachten alleine verbringen zu müssen: „So einfach ist es im übrigen auch nicht, reinzuschreiben, dass man alleine ist und jemanden zu Weihnachten sucht, man entblättert sich doch immer ganz schön, finde ich, wie ich es hier übrigens auch gerade tue.“ Auch wenn es bei diesem Beispiel widersprüchlich ist, weil die Angst auch verwendet wird, um Mitleid einzufordern, so ist es doch eine verbreitete Erfahrung, dass man sowieso bedauert wird, wenn man erzählt, dass man Geburtstage oder Feiertage alleine verbringt. Besonders unter Jugendlichen ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass unterstellt wird, man habe, wahrscheinlich zurecht, keine Freunde. Zu Weihnachten ist es nicht nur Nächstenliebe, zu der wir zu dieser Zeit ohnehin dauernd aufgefordert werden, die uns dazu bringt, die Einsamen irgendwo integriert wissen zu wollen. Es ist vor allen Dingen eine kulturindustriell gesetzte Norm, die uns wissen lässt, dass es ein Jammer ist, wenn Leute zu diesen Feiertagen alleine sein müssen. Viele Selbstdarstellungen widersprechen dieser Annahme allerdings. Schilderungen, wie es gelingen kann, das Fest alleine zu feiern, sind eine verbreitete Reaktion auf die Angst vor der Einsamkeit. In einigen Statements wird ausführlich beschrieben, wie das Fest alleine zelebriert wird: „Ich gehör aber auch zu den Singles, die durchaus gerne allein Weihnachten feiern, weil ich dann das machen kann, was mir gefällt, so kitschig, so sonderbar, so...das auch andere finden. Ich leih mir ein paar gute Filme aus, richte mir meine Lieblings CDs her, bereite mir ein aufwendiges Abendessen (wozu ich mir sonst nicht die Zeit nehme), mache mir Kekse, einen Bratapfel, etc.“ „Als ich noch Single war, habe ich Weihnachten auch mal alleine verbracht und .... es war toll!!!! Ich habe mir eine große Schüssel Salat gemacht, mir einen tollen Film ausgeliehen und im Gammellook vorm Fernseher gesessen, mein Bäumchen bewundert und fühlte mich rundherum wohl. Nach dem Film habe ich mich schön warm angezogen und bin durch die Winternacht gelaufen. Das mache ich wahnsinnig gerne.“ Niemand kontert hier, das sei egoistisch, a-sozial oder verlogen. Im Gegenteil: Singles, die es verstehen, das Fest alleine zu begehen, werden ihrer „positiven Einstellung“ wegen bewundert. Es gehört nicht zur Weihnachtsmoral, dass man nicht allein sein dürfe, man soll es nur nicht ungewollt müssen. Der Besuch von Kneipen, um auf den zweiten Aspekt zurückzukommen, der im Forum debattiert wird, ist aber nicht nur eine Frage der Haltung oder Moral, sondern auch eine von (fehlenden) Angeboten. Aber: in jeder kleinsten Gemeinde gibt es mit Sicherheit einen Gottesdienst – und der wird als Teil des Unterhaltungsangebots verstanden.
|
|