Hier reden wir: die Gesellschaft
|
|
Weihnachtsmärkte und BetriebsfeiernDie Zahlen der Weihnachtsmärkte und ihrer Besucher (jeweils in Millionen) in deutschen (und österreichischen) Städten wachsen über die Jahre. Auch der Charakter der Weihnachtsmärkte ändert sich: Essen und Trinken, laute Musik, Karussells und Gedränge sind die bestimmenden Eigenschaften. Mit der Festivialisierung der Innenstädte haben sich Weihnachtsangebote wie Lebkuchen und Drahtbiegefiguren über das ganze Jahr verallgemeinert. Der Weihnachtsmarkt hat einen starken Einschlag von Rummelplatz mit erhöhter Kinderbeteiligung, die allerdings zurückgedrängt wird: Glühwein und die von ihm Erhitzten dominieren das Geschehen. Die Musik unterstreicht, dass hier etwas wie Musikantenstadel passiert: Es sind weihnachtlich zugerichtete Schlager und Volkstümliches. New York zum Beispiel kennt den deutsch-österreichischen Weihnachtsmarkt gar nicht (neuerdings gibt es einen Ansatz dazu in einem Kunstgewerbe-Markt am Columbus Circle), dafür aber aufwendige Schaufenster-Dekorationen der Kaufhäuser: Macy’s und Bloomingdale’s für Kinder, Bergdorf-Goodman für Erwachsene, in allen Fällen werden nicht Waren ausgestellt, sondern kunstvolle Tableaus und Szenen (bei Macy’s beweglich) präsentiert, die in dichtgedrängten Trauben, die sich langsam weiterbewegen, fachmännisch geprüft und mit den Erinnerungen aus dem Vorjahr verglichen werden. Die entwickelte Konsumkultur hat es nicht mehr nötig, Waren ins Schaufenster zu stellen. In Deutschland hingegen wird 19. Jahrhundert imitiert und ein Gegenstück zum Oktoberfest – mit Punsch statt Bier – erreicht. Auch Weihnachtsfeiern im Betrieb haben wenig mit „Besinnlichkeit“, dafür umso mehr mit Alkohol und Redseligkeit zu tun. Im WDR Gästebuch findet sich folgende Beschreibung (www.wdr.de): „Wenn ich an die Weihnachtsfeiern denke vor ca. 25 Jahren, als ‚Lehrling’ musste man Gedichte aufsagen, es wurde gesungen, es gab Weihnachtsgebäck, Stollen, Kaffee und höchstens ein Glas Glühwein. Die Stimmung war irgendwie anders, weihnachtlich und gemütlich. Die Feiern heute sind auch schön, aber anders, es sind laute Partys, es werden sogar schon keine amerikanischen Weihnachtssongs mehr gespielt. Mit Weihnachten hat das alles nicht mehr viel zu tun. Deswegen heißen die Firmen-Feiern im Dezember bei mir auch nicht mehr Weihnachtsfeiern sondern Jahresabschlussparty.“ Nicht alle schätzen die neue Form, dass „stilvolle Weihnachtsbeleuchtung“ mit „Jahrmarkts-Lichtorgeln“ verwechselt würden, ist eine ablehnende Beschreibung desselben Phänomens. Der Bezug auf solche Veranstaltungen ist vorwiegend instrumentell: wegen des guten Betriebsklimas. Die Ratschläge zentrieren sich darauf, die sozialen Beziehungen und besonders die Hierarchien, die den Arbeitsalltag strukturieren, auf der Weihnachtsfeier nicht ganz nicht zu vergessen. (www.stern.de) Im schon zitieren Gästebuch des WDR haben Leute ihre Erfahrungen mit betrieblichen Weihnachtsfeiern und ihre Haltungen dazu ausgetauscht. Auch hier taucht als Motiv hinzugehen die Pflege des Betriebsklimas auf: „Ich bin der Meinung, dass ein geselliges Beisammensein (es muss ja nicht unbedingt Weihnachten sein) zumindest zu einem gesunden Betriebsklima beitragen kann.“ Aber interessanter ist, dass dieses Thema als „Aufhänger“ genutzt wird, um die wirtschaftliche und Arbeits-Situation zu kritisieren: „Da müsste denn die firmenleitung erst einmal ein ganzes jahr und länger zeigen, dass ihre arbeitnehmer nicht nur als kostenfaktoren wahrgenommen werden. Aber: ein jahr lang knallhart sein und dann einen abend lang glühweinselige verbrüderung ... nein danke.“ „Weihnachtsfeier – als alljährliche Event eigens für die Speichellecker und Speichelleckerinnen bei Chefs und Abteilungsleiter/innen.“ „Kann Euch beiden nur zustimmen – FriedeFreudeEierkuchen bei der Feier und tagsdrauf MuffelnMosernMobbing – danke bestens.“ „Wenn noch Geld für Weihnachtsfeiern etc. da ist, kann es der deutschen Wirtschaft noch nicht so schlecht gehen. Oder ist das alles Täuscherei?“ „Die Herren Vorgesetzten waren im alkoholisierten Zustand schon fast peinlich.“ Beiträge dieser Art machen einen wesentlichen Teil der Diskussion aus. Weihnachtsfeiern gelten als „verlogen“, „wenn das ganze Jahr über Missmut und Meckerei vorrangig sind“ oder „Chefs [...] solche Ereignisse sehr gern [nutzen], um das Sozialverhalten ihrer Mitarbeiter zu studieren“. Vom „notwendigen (und vermeidbaren) Übel“ bis zum „erfreulichen geselligen Zusammensein“ finden sich alle Einschätzungen. Betriebliche Weihnachtsfeiern werden eindeutig als instrumentelle Ereignisse reflektiert, zugleich aber wird das von vielen „angewidert“ zur Kenntnis genommen. Der Widerspruch lässt sich nicht auflösen. So bleibt nur, sich den Feierlichkeiten zu entziehen oder sich am Besäufnis zu beteiligen. |
|