Hier reden wir: die Gesellschaft
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"Ich betreibe doch ein Kaffeehaus und keine Lungenheilanstalt!"Eine Einladung, über Rauchverbote zu diskutieren
Christine Resch
Die Diskussionen über ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen, darunter Gaststätten, werden gegenwärtig erstaunlich aufgeregt geführt. Noch vor drei Jahrzehnten war Rauchen mit "Freiheit" konnotiert, noch vor zwanzig Jahren argumentierten Raucher und Nicht-Raucherinnen mit ihrer "körperlichen Integrität", wenn verhandelt wurde, ob Rauchen in öffentlichen Räumen erlaubt sein sollte. Auf Bahnhöfen, in U-Bahn-Stationen, auf Flughäfen, ja selbst in Flugzeugen, Zügen und (manchen) Kinos wurde damals noch selbstverständlich "gepafft". Das Rauchen in Gaststätten zu verbieten, war jenseits des überhaupt Denkbaren. Vor zehn Jahren waren dann Raucher"klos" (in Schulen und Universitäten etwa) durchgesetzt – das Wirtshaus einer der letzten öffentlichen Orte, wo das Anzünden einer Zigarette noch selbstverständlich war und unwidersprochen akzeptiert wurde. Inzwischen sind Raucher/innen vollständig in die Defensive gedrängt, sie gelten im besten Fall als abhängig und damit krank ("null Toleranz" also nur für Dealer, als da sind: Supermärkte, Drogerien und Kioske, sowie Tankstellen, Zigaretten-Automaten und in Österreich die altmodischen Trafiken), im schlimmsten Fall als a-soziale Zeitgenossen, die sich und vor allen Dingen andere leichtfertig schädigen. Die Hatz gegen Raucher ist legitim und anerkannt und wird immer vehementer. Die Raucher benehmen sich im Gegenzug immer rücksichtsvoller, sie ziehen sich freiwillig in die für sie vorgesehenen Zonen und auch bei Eiseskälte auf Balkone und die Straße (und verbal auf sarkastischen Humor) zurück. Ihre eigene Wohnung und Kaffeehäuser sind die Orte, an denen sie ihrem Laster noch halbwegs ungestört nachgehen können. Das wird sich ändern, wenn, um das Statement eines Wiener Gastronomen zu variieren, aus Kaffeehäusern Lungenheilanstalten oder Kindertagesstätten werden. Der Verdacht drängt sich nämlich auf, dass die letzten Bastionen, die für Erwachsene reserviert sind, wie etwa Kaffeehäuser, der gesellschaftlichen Infantilisierung, in diesem Fall jungen Müttern mit ihren Kindern Platz machen müssen. Da die lieben Kleinen aber schon auf dem Weg ins Café Rußpartikel (und was uns Verkehr und Industrie sonst an Belastungen beschert) einatmen müssen, sollen sie bei ihrem Bio-Saft feinstaubfrei die anderen Gäste lärmbelästigen dürfen. Die Politik reagiert erwartungsgemäß einfallslos und repressiv mit Verboten und Strafen. Der Staat schützt, wie aus anderen Bereichen längst bekannt, immer irgendwelche Opfer. Dass Rauchen für den Staat auch hohe Steuereinnahmen bedeutet, das Einsparen von Rentenzahlungen ist auch eine Erwähnung wert, ist gegenwärtig fast nur Raucher/inne/n bewusst. Otto Schily hat seinerzeit immerhin dafür gesorgt, dass Rauchen der inneren Sicherheit zugute kam – die Einnahmen also für verschärfte Kontrollen auch der Nichtraucher/innen verwendet werden. Auch die Krankenkassen schneiden nicht schlecht ab: Lungenkrebs ist kaum therapierbar, führt zu einem schnellen, wenn auch schmerzhaften Tod, und ist deshalb, volkswirtschaftlich gesehen, eine billige Krankheit. Die Hatz gegen die Raucher passt in die "Wissensgesellschaft". Wie längst bekannt, sind es vorwiegend proletarische Männer (und nicht mehr ganz junge Frauen aller Schichten), die immer noch rauchen. In der Wissensgesellschaft wird insgesamt Handarbeit und damit die Unterschicht (und es gibt sie doch!) abgewertet. Dass auch ihre Drogen nur noch als störend wahrgenommen werden, rundet ab, was wir über das "abgehängte Prekariat" eh schon wussten: es frisst zuviel und zu fettes, ungesundes Zeugs, es säuft, sieht fern und es raucht und raucht und raucht – und hat bei all den anstrengenden Aktivitäten kaum Zeit, auch noch den Sozialstaat auszunutzen. Der Vorwurf des Sozialschmarotzertums scheint angesichts der zeitraubenden Tätigkeiten, mit denen es beschäftigt ist, ziemlich ungerechtfertigt. Dass Rauchen selbst unter den gebildeten Frauen noch zu verbreiteten, wenn auch, selbstverständlich, schlechten Angewohnheiten gehört, gibt Eva Herman Recht. Sie werden in der Wissensgesellschaft keinen Erfolg haben. Ihr Ort ist der heimische Herd, an dem sie kochen: zu viel, zu fett, zu ungesund – und nebenbei fernsehen, sich ein paar Gläschen alkoholhaltige Getränke genehmigen und rauchen.
"Rauchen kann schnell abhängig machen, fangen Sie erst gar nicht an!" oder: "Liberté toujours!" "Wer das Rauchen aufgibt, vermeidet schwere Erkrankungen. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!" oder: "Wer das Rauchen aufgibt, unterstützt die Reaktion. Fragen Sie Ihren Trafikanten oder Wirt!"
Die Studiengruppe wird betreut von Christine Resch. Bei Interesse an aktiver Teilnahme bitte eine Email an c.resch@soz.uni-frankfurt.de senden. Die aktive Teilnahme setzt Registrierung bei der folks-uni voraus.
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